(7) Die Zellweger und das Wirtschaftswunder

Appenzell Ausserrhoden stand lange im Schatten der Textilstadt St. Gallen. Doch im 18. Jahrhundert nahmen die Appenzeller die Textilproduktion und
den Handel in ihre Hände. Die Zellweger waren
die führende Kaufmannsfamilie. Sie schrieben
über Generationen hinweg schweizerische Wirtschafts-geschichte.

Handel und Industrie vermochten sich in Ausserrhoden vor allem deshalb zu entwickeln, weil sich die kämpferischen Appenzeller früh feudaler Lasten entledigt hatten. In solch freiheitlicher Tradition stehend, liessen sie auch dem Gewerbe, der Industrie und dem Handel nahezu freien Lauf. Appenzell Ausserrhoden war gleichsam das Dorado für Fabrikanten und Kaufleute. So wurden aus Bauern erfolgreiche Händler, aus Webern Verleger.

Aus einfachen Verhältnissen gingen auch die meisten der appenzellischen Kaufmannsfamilien hervor. Sie trugen Namen wie Nef, Schläpfer, Sutter, Wetter oder Zellweger und rangen um wirtschaftliche und politische Macht und Ansehen. Ihre Blütezeit lag im 18. und 19. Jahrhundert, als die appenzellische Wirtschaft hauptsächlich vom Textilhandel und der Textilindustrie lebte.

Als Anhängerin des reformierten Glaubens verliess die Familie Zellweger in der Zeit der Gegenreformation das katholische Appenzell Innerhoden und liess sich im protestantischen Ausserrhoden, namentlich in der Gemeinde Trogen, nieder. Durch sie wurde das Dorf zum wichtigsten Handelsplatz des Kantons. Die Zellweger waren stets Wegbereiter und Verfechter des Freihandels. Sie waren dort anzutreffen, wo sich Käufer und Verkäufer möglichst frei begegnen konnten, wo Produktion und Handel nicht durch Zölle und sonstige behördliche oder zünftische Regulierungen in Fesseln gelegt waren. Von Trogen aus spannte sich ein Netz von Zellweger-Filialen quer durch Europa, wie nach Lyon, Barcelona oder Genua.

Das Geschäftsprinzip der Zellweger: sie exportierten nicht nur einheimische Leinwand- und Baumwollstoffe, sondern kauften auch schwäbische, böhmische und schlesische Erzeugnisse hinzu. Diese mussten, gleich wie die appenzellischen, hohen Qualitätsstandards genügen. Geschäftssinn bewies die Familie überdies bei der Wahl ihrer Partnerbanken; auch hier knüpfte sie ein europäisches Kontaktnetz, um die besten Konditionen für ihre Geldgeschäfte zu erhalten.

Die Zellweger gehörten bald zu den reichsten Schweizer Handelsherren ihrer Zeit. Mit der wirtschaftlichen Macht ging die politische einher. Vertreter der Familie stellten zahlreiche Landammänner, Tagsatzungsabgeordnete und Vertreter in öffentlichen Ämtern in Appenzell Ausserrhoden. Um so schmerzhafter war der Wandel, den die tiefgreifenden Umwälzungen und ökonomischen Veränderungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit sich brachten. Die glanzvolle Zellwegersche Kaufmannsära nahm in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein Ende. Die grossen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der napoleonischen Herrschaft in Frankreich, Genua und der Eidgenossenschaft brachten das Handelshaus in ernsthafte Schwierigkeiten, so dass es schliesslich liquidiert werden musste. Damit standen die Vertreter der achten Zellweger-Generation vor einem Neuanfang. Sie mussten mit bescheidenen Mitteln aus eigener Kraft neue Tätigkeitsfelder erobern.

Zwei Vertreter dieser jungen Generation, Salomon und Ulrich Zellweger, zeigten sich alsbald als vielseitige und tatkräftige Unternehmer. Salomon Zellweger war der Hauptpromotor und Mitbegründer der Helvetia-Versicherungen in St. Gallen, die in diesem Jahr ihr 150-Jahr-Jubliäum feiern können. Sein Bruder Johann Ulrich war ein erfolgreicher Kaufmann, Bankier und, in seiner Funktion als Präsident der Basler Missions-Handlungs-Gesellschaft ein Pionier der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und Indien.

Ausgestattet mit echt appenzellischem Eigensinn und im Geiste der Freihandelstradition, stiessen die beiden Brüder im 19. Jahrhundert in neue ökonomische Gebiete vor. Während Ulrich ein früher Verfechter der Globalisierung des «Fair Trade»-Gedankens war, hat sein Bruder Salomon durch Gründung des ersten Transportversicherers der Schweiz und gleichzeitig der ersten Versicherungsgesellschaft auf Aktienbasis einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der schweizerischen Versicherungsbranche und des Finanzplatzes geleistet.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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