(7) Die Deutschenverschrecker

Kein Schweizer Film lockte jemals so viele Menschen in die Kinos wie die «Die Schweizermacher». Wie ein Film ein Vierteljahrhundert lang dafür sorgte, dass Deutsche nicht in die Schweiz einwanderten.

Also, ich fasse zäme: In oiserem Land isch jede willkchome, sig’s als Turischt, als Arbaiter. De Fremdi sötted mir uf all Fäll immer akchzeptiere. Öppis anders isch es, wänn er in oiserem Land bliibe wott, wänn er s’Bürgerrächt beatrait. Dänn mues er sich uf irgend än Art aapasse, er mues sich assimiliere. Wie scho än früenere Fremdepolizeischef gschribe hät: «Wir glauben, dass die Assimilation jener Zustand ist, bei welchem der bei uns anwesende Ausländer nicht mehr auffällt.» Nänned Si mir e paar Aigeschafte, wo mir bimene Usländer vorusseze müend, damit er Bürger vo oiserem Land werde chan. Wie mues er si? Noitral…Flisig…Solid. Solid. Zum Bischpil. Beschaide, charakchterfescht. Guet. Das git grad es «C-H».

(O-Ton, «Die Schweizermacher» 1978, erste Szene)

 

Der Kinofilm «Die Schweizermacher» ist nunmehr seit 30 Jahren der unangefochten erfolgreichste Schweizer Film. «Die Deutschenverschrecker» wäre der angemessenere, allerdings auch entlarvendere Name gewesen. Filmen und Büchern wird im allgemeinen nachgesagt, dass sie einem die Augen öffnen und zur Aufklärung beitragen. «Die Schweizermacher» sind ein schlagendes Gegenbeispiel. Der beliebteste Schweizer Komiker, einer der bekanntesten Schweizer Schauspieler und einer der besten Schweizer Regisseure – Emil Steinberger, Walo Lüönd und Rolf Lyssy – schafften in 104 Minuten mit Charme und Humor, was keinem Schweizer Politiker und keiner Medienkampagne weder jemals zuvor noch jemals danach derart effizient und nachhaltig gelungen ist: die Deutschen blieben der Schweiz fern. 25 Jahre hat die Wirkung angehalten, erst in den letzten Jahren ist sie abgeflacht. Jeder, der die Zuwanderung der Deutschen stoppen möchte, scheint daher gut beraten, das einheimische Filmschaffen zu fördern und dafür zu sorgen, dass ein weiterer Film nach Art der «Schweizermacher» gedreht wird.

1991 – da befand Deutschland sich im zweiten Jahr nach der Wiedervereinigung, die den neuen Bundesländern blühende Landschaften bringen sollte, die Arbeitslosenquote betrug 7.3 Prozent, und der Erfolg der «Schweizermacher» war noch ungeschmälert; in der Schweiz lebten damals gerade mal 85’136 Deutsche (Ende 2007 betrug der «Bestand» nach Auskunft des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik dann schon 201’889); und ich hatte soeben beschlossen, in die Schweiz umzuziehen. Bemerkenswert war, dass jedesmal, wenn ich in Deutschland von meinen Plänen erzählte, jemand ausrief: «Was? In die Schweiz? Zu diesen Spiessern?» Niemand von diesen Personen war je in der Schweiz gewesen. Doch entscheidend war wohl, dass sie «Die Schweizermacher» gesehen hatten. Nun, ich liess mich nicht beirren – spiessig sind ja sowieso immer die anderen – und stand einige Wochen später am Schalter eines Grenzpostens, um die Einreiseformalitäten zu erledigen. Der Schweizer Beamte fragte, mit Blick auf meine Unterlagen und den deutschen Pass, nicht etwa: «Haben Sie etwas zu verzollen?» Nein, er fragte: «Haben Sie ‹Die Schweizermacher› gesehen?»

In meiner Antwort, dass ich dies bisher versäumt hätte, muss er wohl den Grund für meine Einreise gesehen haben. In der Tat waren die Deutschen in der Schweiz damals so selten, dass zu meiner Charakterisierung noch «die Deutsche» genügte, sowohl in Brugg, wo ich wohnte, wie auch in Zürich, wo ich arbeitete. Ein Sonderstatus, dessen Verlust ich 15 Jahre später – der Schweizer «Blick» titelte «Machen Deutsche aus der Schweiz ein 2. Mallorca?» – offenbar so demonstrativ bedauert haben muss, dass ein Schweizer Kollege spöttisch bemerkte, ich benähme mich wie eine echte Seconda, die als in der Schweiz geborenes Kind ausländischer Eltern auf eine derart umfassende Art und Weise assimiliert ist, dass sie die Einwanderung von Ausländern der eigenen Herkunft ablehnt.

«Spiesser!» Ein vernichtenderes Urteil können Deutsche kaum fällen. Es hielt der Überprüfung nicht stand. Ich fand unter den Schweizern nicht auffällig viele Spiesser. Die Blumenrabatte mit Gartenzwerg, der Jogginganzug als Freizeitkleidung, die umhäkelte Toilettenpapierrolle auf der Hutablage des Autos, oder der angeleinte Rauhaardackel als bester Gefährte – typische Ingredienzien deutscher Spiessigkeit – schienen mir in der Schweiz eher selten zu sein. Was hatte der Film vermittelt, das so abschreckend hätte sein können? Auf Besuch in Deutschland, bekam ich auf meine Nachforschungen drei Kriterien der Schweizer Spiessigkeit zu hören: erstens «die Sprache», zweites «die Müllsäcke» und drittens «die Fremdenfeindlichkeit».

Der Chuchichäschtli-Mythos will, dass die Schweizer hartnäckig Schweizerdeutsch sprechen, und das sei nicht nur unverständlich, sondern auch schwer zu erlernen, Integration daher unmöglich. «Chuchichäschtli» ist eines der Wörter, das auf der Tafel steht, als eine der Anwärterinnen auf Einbürgerung im Film zwar ambitioniert, aber erfolglos in einem Kurs für Schweizerdeutsch sich das «hintengebildete ‹ch›» anzueignen versucht. Unnötigerweise. Schweizer sprechen hervorragend Deutsch! Sie glänzen durch Sprachgewandtheit, rhetorische Brillanz, haben meist wohltönende Stimmen und sind polyglott. Es gehört jedoch zur nationalen Verschwörung, hartnäckig jeden Deutschen zu fragen, ob er Mundart verstehe, um sich danach zur masochistischen Behauptung zu versteigen, Schweizer seien den Deutschen unterlegen, weil sie des Hochdeutschen nicht mächtig seien. Nichts als ein geschickter Schachzug. Abschreckung durch Lob dessen, was wir Deutschen gerade nicht sind: sprachgewandt. Die Deutschen gelten, und dies wohl nicht zu Unrecht, als in Fremdsprachen nicht sonderlich bewandert. Es liegt für uns daher nahe, die deutschsprachige Schweiz als geeignetes Auswanderungsland anzupeilen. Um diese Idee abzuschiessen, haben die Schweizer den Mythos vom Schweizerdeutschen und dem Chuchichäschtli in die Welt gesetzt. Indizien für diese These können etwa im deutschen Fernsehen beobachtet werden, wenn Schweizer Politiker oder Sportler zu Wort kommen. In der Schweiz sprechen sie astreines Hochdeutsch, kaum werden sie jedoch in den Abendnachrichten des deutschen Fernsehens interviewt, legen sie sich zur Tarnung einen Schweizer Akzent zu und verlangsamen ihre Sprechgeschwindigkeit, dabei möglicherweise von Synchronsprechern unterstützt, die von den Schweizer diplomatischen Vertretungen in Deutschland eigens dafür ausgebildet werden.

«Die Schweizermacher» scheinen den Deutschen ausserdem den Eindruck zu vermitteln, nur derjenige Ausländer würde in der Schweiz toleriert, der seinen genormten Müllsack an einem festen Wochentag an einer bestimmten Strassenecke zur Abholung deponiert. Dieser Müllsackmythos, die uniformierte Aufreihung in Reih und Glied, könnte zwar als ein nur folgerichtiger Ausfluss des Wehrhaftigkeitsmythos angesehen werden. Dennoch, auch in diesem Fall stellte sich die Wirklichkeit als ganz anders heraus. Geprägt durch meine Kindheitslektüre Ephraim Kishons, der in einer seiner Kurzgeschichten schildert, wie er in Zürich verzweifelt und vergeblich (selbst die Papierkörbe waren ein zu reinlicher Ort für die Aufbewahrung) einen Pappteller zu entsorgen sucht, sah auch meine Phantasie die Schweiz als ein Eldorado der Reinlichkeit und Ordnung. Doch am ersten Morgen nach meinem Umzug bot sich mir in Brugg ein anderes Bild: Abfall und Unrat auf den Strassen und Plätzen in einem Ausmass, die der Bahnhofsumgebung vieler deutscher Grossstädte um nichts nachstand. Hinzu kamen Ansammlungen vielfarbiger Müllsäcke, die sich ungeordnet an Häuserecken und am Strassenrand lümmelten. Zugegeben, der Abfall und Unrat war eine Ausnahme und wurde bald weggeräumt. Es waren die Überreste eines fröhlichen Festes, zu dem jedes Jahr im Sommer, in einer Art Fruchtbarkeitsritual, die Kinder und Jugendlichen, herausgeputzt und blumengeschmückt, hinter den Repräsentanten der Stadt in einem langen Umzug durch die Strassen ziehen. Doch die Müllsackanarchie blieb erhalten und animierte mich schliesslich, dem lokalen Quartierverein beizutreten, um dafür zu lobbyieren, dass die Müllsäcke in Zukunft erst am Morgen der Abholung vor die Tür gestellt würden. Der Gestank, der vor allem im Sommer von draussen durch die offenen Fenster in meine Wohnung drang, schien mir auf Dauer unerträglich.

Chuchichäschtli- und Müllsackmythos. Auf den ersten Blick stützen sie den Wahrheitsgehalt des dritten Mythos: die Schweizer Ausländerfeindlichkeit. Die Statistik spricht andere Worte. In der Schweiz ist vieles anders. Sie ist eine Konsensdemokratie, sie besitzt kein oppositionell funktionierendes Parlament, sie ist ein Bundesstaat mit ausgeprägtem Föderalismus, in dem die einzelnen Kantone Steuer- und Finanzhoheit haben und die Staatspräsidentschaft in jährlichem Turnus unter den Mitgliedern der Regierung wechselt; sie ist ein Land, das – bis auf den fehlenden Meeresanschluss – mit allen erdenklichen landschaftlichen Schönheiten aufzuwarten weiss, ein Land, das mit Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch vier Amtsprachen besitzt, einen starken Minderheitenschutz, starke direktdemokratische Elemente und aussenpolitische Neutralität. All das kommt rund siebeneinhalb Millionen Einwohnern zugute. Knapp 21 Prozent davon sind Ausländer. Zum Vergleich: in Deutschland leben rund 82 Millionen Menschen, nur knapp neun Prozent sind Ausländer. Die Schweiz, sie ist nicht ausländerfeindlich, sie ist spiesserfeindlich. Und «Die Schweizermacher» daher der erfolgreichste Spiesserabwehrfilm aller Zeiten. Vielleicht von Spiessern in der Schweiz ausgedacht, weil sie finden, es gebe ihrer schon genug, es brauche nicht noch Importe.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»