(6) Wir verkaufen die Fairtrade-Bananen des Finanzmarkts

Entwicklungshilfe gilt als zivilisatorischer Akt. Aber kann sie auch ein Geschäft für gewinnorientierte Anleger sein? Eine Antwort von responsAbility, einer Zürcher Firma für soziale Investitionen.

Es ist nicht leicht, Ihre Tätigkeit zu umschreiben. Sie vermitteln Kapital an Finanzinstitute in Schwellen- und Entwicklungsländern, die wiederum lokal Mikrokredite vergeben. Nun tobt aktuell eine Finanzkrise, die nicht nur den Westen, sondern vor allem auch diese Entwicklungsländer in Mitleidenschaft zieht. Wie gehen Sie damit um – sind soziale Investitionen nicht etwas für wirtschaftliche Gutwetterzeiten?

Absolut nicht, da muss ich widersprechen. Auch in diesen Zeiten sind solche Investitionen sehr attraktiv. Man muss sehen, wer ganz am Schluss, am Ende der Investitionskette, den Kredit erhält. Es sind eben Mikrounternehmer, also die Näherin, der Bäcker, die Schuhmacherin – sie bieten in ihren Ländern Güter des täglichen Gebrauchs an. Weil sie in lokalen Märkten agieren, spüren sie den Crash an der Wall Street weniger. Diese Situation widerspiegelt sich auch im Vertrauen der Investoren; wir verzeichnen nach wie vor positive Zuflüsse, im Dezember etwa 25 Millionen US-Dollar. Unsere lokalen Finanzinstitutionen, die den Mikrokredit letztlich vergeben, verspüren allerdings schon erste Engpässe in der Refinanzierung, da der internationale Finanzmarkt insgesamt sicher weniger liquide geworden ist.

Sie streuen das Risiko bei Ihren Endkunden, den Mikrounternehmern. Das ist zweifellos sinnvoll, doch zeigt sich hier eine Parallele zum US-Immobilienmarkt. Auch dort wurde argumentiert, dass strukturierte Produkte auf Basis von Privathypotheken zuverlässig seien, da dahinter viele kleine Hausbesitzer stünden. Diese Argumentation hat den Realitätstest nicht bestanden.

Da gibt es einen grundlegenden Unterschied. In den USA bestand die Schwierigkeit darin, das Haus angemessen zu bewerten – damit es dann auch als Sicherheit dienen konnte. Dies ist offensichtlich nicht gelungen. Im Falle der Mikrofinanz geht es aber nicht um Hypothekar- oder Konsumkredite, sondern um Geschäftskredite. Wir schauen auf den Cashflow des Unternehmens; er gibt den Ausschlag für eine Kreditvergabe, auch wenn dabei praktisch keine Sicherheiten bestehen. Die Leute haben kein Haus oder keinen Eigentumstitel auf ihr Haus, keine Aktien oder ähnliches. Es zählt der gute Ruf, das Geschäft, die Tüchtigkeit des Kreditnehmers. Das soziale Gefüge ist entscheidend.

Sie sprechen eine Investorengruppe an, die auch in eher mageren Zeiten von keinen finanziellen Sorgen umgetrieben wird. Kommt Ihnen das nun zugute?

Naja, jeder Investor ist heute von der Kreditkrise betroffen. Aber auch jene, die trotz Milliardenverlusten noch über Milliarden verfügen, investieren nicht einen Grossteil ihrer Gelder in Mikrofinanz. Häufig haben wir es mit einer Portfoliobeimischung zu tun. Unsere primären Kunden sind natürlich die Banken, die wiederum ihren Kunden unsere Fonds anbieten. Wir suchen dann in den jeweiligen Ländern Mikrofinanzspezialisten, die die Kredite schliesslich vergeben. Wir haben also eine Art Vermittlungsfunktion und kennen daher nicht jeden einzelnen Kunden. Aber wir können Rückschlüsse auf die Investorentypologie ziehen; die Spannweite reicht vom Detailkunden mit einer Minimalanlage von 1’000 US-Dollar bis zum Privatkunden, der zwischen 30’000 und 100’000 US-Dollar anlegt.

Sie betreiben eine Finanzdienstleistung. Zugleich verfolgen Sie jedoch auch Entwicklungsziele. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Ich sehe da keinen Widerspruch – wir erwirtschaften eben neben einer finanziellen Rendite auch eine soziale. Unsere Produkte sind die Fairtrade-Banane des Finanzmarktes. Man kauft eine ganz normale, leckere, gesunde Banane und erhält dazu noch einen Mehrwert, indem man Leuten in Entwicklungsländern die Möglichkeit gibt, sich schneller zu entwickeln.

Das klingt schön und gut, aber was genau ist eine «soziale Rendite»?

Es gibt Menschen, die investieren, weil sie etwas bewegen wollen! Konkret helfen sie, individuelle Lebenssituationen zu verbessern. Das ist das Schöne daran: es ist ein reales Engagement mit realen Wirkungen. Natürlich lassen sich diese Dinge auch messen. Es geht zum Beispiel um die Häufigkeit der Nahrungsaufnahme, die Zusammensetzung von Mahlzeiten, die Qualität von Baumaterial oder die Alphabetisierungsquote. In unserem Sozialleistungsbericht geben wir einmal im Jahr Auskunft über diese Erfolge.

«Soziale Rendite» heisst für Ihre Anleger dann also «finanzielle…

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