(6) Von der Staatenwelt zum Städtenetzwerk

Nationale Wirtschaftsräume verlieren an Einfluss; an ihre Stelle treten global vernetzte Metropolregionen – nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch in den Schwellenländern. Ein Überblick über die unterschiedlichen Entwicklungspfade von Shangai, São Paulo, Mumbai und Johannesburg.

Die Regierungschefs der mächtigsten Staaten der Welt kommen seit drei Jahrzehnten an den G7- oder (seit der Erweiterung um Russland) G8-Treffen zusammen, um die Ausrichtung der globalen Politik festzulegen. Seit kurzem treffen sich auch die vier Bürgermeister der europäischen Metropolen London, Paris, Berlin und Moskau (die neuen «M4»?), um sich miteinander abzustimmen. Im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen finden sich unter der Rubrik «Staatsanleihen» städtisch geprägte Regionen wie City of Yokohama, Ile de France, Land Hessen oder Province of Ontario. Das Bruttosozialprodukt mancher Stadtregionen übersteigt dasjenige mittelgrosser Staaten; die Wirtschaftsleistung der Region Tokio etwa übertrifft diejenige Kanadas. Diese Beobachtungen deuten auf eine veränderte Rolle von Städten hin. Wie lässt sich deren Bedeutungszuwachs erklären?

Der Globalisierungsprozess unterwirft das traditionelle System der internationalen Politik einem tiefgreifenden Wandel. In den vergangenen drei Jahrhunderten dominierten Staaten das internationale System. Verhandlungen über politische und wirtschaftliche Abkommen wurden von den Regierungen mittels Diplomatie geführt; Zollschranken und Nationalwährungen schafften einheitliche, nationale Wirtschaftsräume; Grenzkontrollen regulierten die Reisen von Personen ins Ausland. In der Nachkriegszeit wurde dieses System – im wesentlichen unangetastet – von einer bipolaren Ordnung überlagert, in der die Welt in Ost und West eingeteilt war. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist diese klare Struktur in Fluss geraten – die Rahmenbedingungen für globale Politik ändern sich. Die Nationalstaaten werden zwar nicht bedeutungslos, doch agieren sie in einem Umfeld, das un-übersichtlicher geworden ist und in dem zentrale Steuerung immer schwieriger wird.

Dieser neue Kontext der globalen Politik ist durch fünf Entwicklungen gekennzeichnet, die den Monopolanspruch des Staates bei der Gestaltung der Aussenpolitik in Frage stellen. Erstens hat die Zahl der relevanten Akteure zugenommen. An der Gestaltung von Politik, an der Verteilung und Vergabe von Ressourcen und an der Meinungsbildung in der Öffentlichkeit beteiligen sich in zunehmendem Masse weitere Akteure: internationale Organisationen, transnationale Konzerne, Nichtregierungsorganisationen, Regionen und Städte, die Medien sowie einflussreiche Individuen, um nur die wichtigsten zu nennen. Eine der Trennlinien läuft entlang der Unterscheidung öffentlich/privat bzw. staatlich/nichtstaatlich. Zweitens entspricht Politik vermehrt einem Mehrebenen-Spiel, bei dem nationale Akteure die Kalküle anderer Ebenen (subnational wie supranational) zunehmend berücksichtigen müssen. Sie können, dank Vetopositionen, von substaatlichen Ebenen empfindlich in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt werden, andererseits jedoch diese mit Geschick auch zur Stärkung ihrer Verhandlungsposition einsetzen. Drittens befindet sich die relative Macht der Akteure im Fluss. Anders als während des Kalten Krieges, als das militärische Potential die bestimmende Machtressource war, existieren heute verschiedene Machtressourcen («Machtwährungen») parallel nebeneinander, auch wenn in bestimmten Situationen die militärische Macht nach wie vor ausschlaggebend sein kann. Viertens verschwimmt die Grenzziehung zwischen Inland und Ausland. Das Stichwort «Transnationalität» charakterisiert eine Vielzahl von Aktivitäten und Gebilden, angefangen bei den grossen Konzernen bis hin zu individuellen Biographien. Fünftens gestaltet sich – auch als Folge des vorangegangenen – die Beobachtung, Kontrolle und Steuerung der Interaktionen immer schwieriger. Dies erfordert ein neues Denken in der Wissenschaft. Eine neue Kartographie ist gefragt, eine Technik des «Mapping», die in der Lage ist, mit den neuen Phänomenen politischer Steuerung umzugehen.

In dieser neuen Kartographie müssen auch Stadtregionen Platz finden. Der Soziologe Manuel Castells hat treffend beschrieben, dass globale Ressourcenflüsse – Geld, Waren, Dienstleistungen, Personen, Informationen, Symbole – in einem space of flows sich nicht mehr so sehr an nationalen Grenzen orientieren, sondern die Welt zunehmend in globalisierte und periphere Regionen strukturieren. Die Differenzierung innerhalb der Staaten (selbst innerhalb von Städten) nimmt tendenziell zu, andererseits bilden sich auch grenzüberschreitende Regionen (wie etwa die Öresund-Region, mit Kopenhagen und Malmö). Städtische Wachstumsregionen bilden neue Knotenpunkte in diesem «Raum der Ströme». Hier konzentrieren sich Kapital und Wissen und damit ökonomische und politische Macht. Städte sind zudem wichtige Orte für Innovationen – wirtschaftliche und technologische, aber auch gesellschaftliche und politische.…

(1) Die Schweiz ist eine Stadt

Die Schweiz eine Stadt? Die Frage ist inzwischen durch die Entwicklung beantwortet worden. Für die Politik geht es nun darum, die Realität zu sehen, sie zu akzeptieren, mit ihr umzugehen und sie mitzugestalten, statt sich verbissen gegen sie zu stemmen.

(2) Die Schweiz als «City-State»

Die Vision einer global orientierten, urban organisierten und liberal ausgerichteten Schweiz als «City-State» ausserhalb der EU ist in den Medien zum Teil scharf kritisiert, aber auch gehörig missverstanden worden. Präzisierungen und Klärungen von Konrad Hummler; die Fragen stellte Robert Nef.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»