(6) Totales Glück, totaler Schrecken

Die Dystopie – der negative Gesellschaftsentwurf – hat im letzten Jahrhundert die klassische Utopie endgültig abgelöst. Doch so schwarz sie auch die Entwicklung der Gesellschaft zeichnet, die Hoffnung gibt sie nicht auf.

Dass des einen Utopie des andern Hölle ist, ist hinlänglich bekannt. Wer heute einen Blick auf die klassischen Utopien von Morus, Bacon oder Campanella wirft, wird im besten Fall amüsiert lächeln ob diesen vermeintlich perfekten Gesellschaften – in ihnen wohnen, wird er kaum wollen. Die totalitären Tendenzen, die den meisten utopischen Entwürfen eigen sind, lassen sich schon in Platos Politeia (ca. 370 v. Chr.) ausmachen und werden in Tommaso Campanellas «Civitas Solis» (1623, dt: «Der Sonnenstaat») wohl auf die Spitze getrieben. In der Sonnenstadt des calabresischen Mönchs thront ein fast gottgleicher Sol über den Einwohnern. Strafprozesse verlaufen im Schnellverfahren, und hat der Sol als letzte Instanz einmal sein Urteil gesprochen, ist keine Revision möglich. Die Gesetze sind auf ein Minimum reduziert und so verfasst, dass jeder sie verstehen kann.

Der Wunsch nach Klarheit, nach scheinbar ursprünglicher Einfachheit, der für viele Utopien charakteristisch ist, findet sich bereits im Urtext der Gattung. Es ist eine der vielen Ironien von «Utopia» (1516), dass ausgerechnet der Rechtsgelehrte und spätere Lordkanzler Thomas Morus einen Idealstaat entwirft, in dem es nicht nur ein blosses Mininum an Gesetzen gibt, sondern in dem auch stets die einfachste Auslegung als die korrekte angesehen wird und Anwälte generell verachtet werden.

Die Gesetzgebung der Utopier ist nur eines von vielen Beispielen für die Ambivalenz, die den Morusschen Gesellschaftsentwurf durchzieht und die immer wieder die Frage aufwirft, ob hier tatsächlich ein humanistischer Idealstaat entworfen wird oder ob das Traktat nicht viel eher als beissende Satire auf die englischen Verhältnisse zu lesen sei. Nicht umsonst ist die Zweideutigkeit bereits im Titel angelegt; denn «Utopia» kann als ou-topos – Nicht-Ort – wie auch als eu-topos – schöner Ort – verstanden werden.

Morus hat somit nicht nur der Gattung «Utopie» ihren Namen gegeben, sondern – zumindest implizit – auch den Grundstein für die Dystopie gelegt. Anders als ihr positives Gegenstück entwirft die Dystopie das abschreckende Zerrbild einer unmenschlichen Zukunft, in der die – in den Augen des jeweiligen Autors – negativen Tendenzen der Gegenwart ins Monströse gesteigert werden. Dass die beiden Gattungen dabei oft gar nicht so weit auseinander zu liegen brauchen, zeigt sich in einer der bekanntesten literarischen Dystopien, Aldous Huxleys «Brave New World» (1932, dt. «Schöne neue Welt»). Die Welt, die Huxley beschreibt, ist hochtechnisiert und frei von Kriegen, die Menschen leben ein sorgenfreies Leben, alle sind glücklich. Derartige paradiesische Zustände sind freilich nicht umsonst zu haben. Im Weltstaat der Zukunft sind Familie, Kultur und Religion inexistent. Menschen werden unter staatlicher Aufsicht gezüchtet, hauptsächliche Freizeitbeschäftigung sind Sex-Orgien und Drogen.

Funktioniert die Utopie meist als Gegenbild der gegenwärtigen Gesellschaft, extrapoliert die Dystopie vom Bestehenden. Somit weisen zwar beide Gattungen einen gesellschaftskritischen Impetus auf, doch während die Utopie wenigstens versucht, die Vision einer besseren Welt zu entwerfen, ergeht sich die Dystopie allzu oft in kulturkonservativem Wehklagen. Auch Huxley, aufgewachsen in den besten Kreisen Englands, war dagegen nicht gefeit; sein beissender Roman ist nicht zuletzt auch Ausdruck des Abscheus vor der amerikanischen Gesellschaft, den der Schriftsteller auf einer frühen USA-Reise empfand. Die amerikanische Kultur – vor allem die Jugendkultur –, Hollywood, die Jazzmusik – all das waren in Huxleys Augen Erscheinungen des Niedergangs, und folglich ist die schöne neue Welt seines Romans primär eine amerikanisierte, deutlich gekennzeichnet durch sexuell stimulierende Kaugummis und eine Zeitrechnung «in the year of Our Ford 632».

Brave New World spielt im Jahre Fords 632 oder – in gregorianischer Zeitrechnung – 2540. Dass die Dystopie fast immer in der Zukunft spielt, folgt aus ihrer Warnfunktion – noch kann die bevorstehende Katastrophe abgewendet werden – und unterscheidet sie zumindest von der klassischen Utopie. Die perfekten Staaten von Morus und seinen direkten…

(2) Worst Case als Show

Ökokatastrophe, Globalisierungsverlierer, Vergreisung der Gesellschaft: hinter der Beschwörung von Worst-Case-Szenarien können handfeste Interessen stehen. Bewahrung und bestenfalls Anpassung des Bestehenden sind die Folge, auf Kosten von Kreativität und der Suche nach neuen Lösungen.

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