(6) Solidarität und Ausgrenzung – die Ungarnhilfe

Die Solidarität der Schweizer Bevölkerung mit den ungarischen «Freiheitskämpfern» war gross: es gab eine Spendenwelle bisher unerreichten Ausmasses, unzählige Sympathiekundgebungen und politische Appelle. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes durch die sowjetische Armee entlud sich die Wut der Menschen vereinzelt gegen die Kommunisten, die «Russen» im eigenen Land.

Bei den Sammlungen und bei der Aufnahme von Flüchtlingen übertraf die Schweiz 1956 im Verhältnis zu ihrer Grösse alle anderen Länder: 2’170 Tonnen Kleider, Wäsche und Schuhe und 5’000 Tonnen Lebensmittel wurden gesammelt, 14’000 Flüchtlinge innert weniger Wochen aufgenommen. Die bis zu 15 Kilogramm schweren «Liebesgaben-Pakete» wurden von der PTT, später auch den SBB und Privatbahnen, kostenlos in das Zentraldepot des Schweizerischen Roten Kreuzes in Wabern bei Bern spediert. Dort wurden sie in aufwendiger Arbeit sortiert, neu verpackt und weitergeleitet. Für Naturalspenden wurden öffentliche Sammeltage – wie die «Journée du Kilo Hongrois» im Greyerzerland – organisiert. Die «Ungarnhilfe der Bauern aus dem Kanton Zürich» schickte 108 Tonnen Kartoffeln und 28 Tonnen Äpfel in 14 Güterwagen nach Ungarn. Auch die Kleider- und Schuhfabriken wollten nicht abseits stehen: PKZ Burger-Kehl & Co. AG, Zürich, spendete für 10’000 Franken «Knaben-, Jünglings- und Herrenkleider», und 1’000 Paar Schuhe kamen von Bally in Schönenwerd. Die Schweizerinnen und die Schulkinder griffen auch zu den Stricknadeln. Tausende kleine Quadrate, die später zu Wolldecken zusammengefügt wurden, wurden in der Schule, aber auch zu Hause gestrickt: «Und es mag vorkommen, dass morgens halb sieben Uhr durch den Türspalt des Kinderschlafzimmers ein heller Schein blitzt und die Mutter staunend ihre beiden Langschläfer, Bübchen und Mädchen, strickend mit ihrem ‹Blätz› im Bett sitzend findet», so schrieb die «Neue Zürcher Zeitung». In guter Erinnerung geblieben ist vielen auch die «Schokoladen-Aktion der Schweizer Jugend für die Kinder Ungarns», bei der Schulkinder beachtliche 470’000 Tafeln Schokolade sammelten.

Vom Bundesrat bis zum Schulkind wurden grössere bis kleinste Geldbeträge gespendet, die oft mit einfachen, aber auch originellen Aktionen gesammelt wurden. In Firmen waren befristete Lohnabzüge, Verzicht auf das Weihnachtsessen und auf Gratifikationen beliebte Formen der Solidaritätsbezeugung. Kilchberger Schüler organisierten ein Konzert, und eine Basler Realschulklasse machte eine Schuhputz- und Veloreinigungsaktion. Die ersten Zahlungen gingen schon ein, bevor das Schweizerische Rote Kreuz die Nummer des Spendenkontos bekannt gegeben hatte. Die grösseren Tageszeitungen zogen bald nach. Mehr als 17 Millionen Franken Barspenden kamen so zusammen. Zahlreiche vorweihnachtliche Anlässe wurden in feierliche Wohltätigkeitsveranstaltungen umgewandelt. Einige Orchester, das Zürcher Opernhaus, der Zirkus Knie, alle schweizerischen Theatervereine und etliche Kinos fügten zusätzliche Vorstellungen in ihr reguläres Programm ein. Nicht jede Sammlungsidee stiess indessen auf Zustimmung. Wer wie eine Zürcher chemische Reinigung und Kunststopferei die Spende vom eigenen Umsatz abhängig machte, musste sich von der NZZ-Redaktion fehlenden Geschmack und Eigennutz vorwerfen lassen: «Die Scherflein zu sammeln, dazu sind nun aber nicht alle Mittel recht.» Eine besondere Art der Verbundenheit zeigten jene 10’000 Menschen, die bei den mobilen Equipen des Schweizerischen Roten Kreuzes Blut spendeten.

Wie in anderen Städten Europas, gab es zahlreiche abendliche Fackelzüge und Schweigemärsche mit anschliessenden Kundgebungen auf Plätzen. Die ersten fanden in Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Fribourg und Luzern statt, organisiert von den dortigen Studentenschaften. Nach einem Schweigemarsch hielten Professoren, Studenten, aber auch in der Schweiz lebende Ungarn flammende Reden, in denen die Ziele des ungarischen Freiheitskampfes unterstützt wurden. Resolutionen wurden verabschiedet, und es wurde zur Solidarität mit den Opfern und zu Spenden aufgerufen.

Vor allem nach der Niederschlagung des Aufstandes wollten die Menschen ihre Solidarität oder Trauer öffentlich zeigen. So kam es zu einer eigentlichen Welle von abendlichen Fackelzügen und Schweigemärschen mit anschliessenden feierlichen Kundgebungen. Die NZZ zählte 16 an fünf Tagen mit jeweils mehreren Tausend Teilnehmern. Organisiert waren diese nun vorwiegend von Parteien sowie neuen und bewährten Vereinigungen: auf dem Berner Waisenhausplatz trat die Neue Helvetische Gesellschaft zusammen mit der «bernischen Jugend» auf, auf dem Zürcher Lindenhof das neugegründete «Schweizerische Hilfskomitee für die Freiheitskämpfer in Ungarn», in Luzern das Gewerkschaftskartell und die Sozialdemokratische Partei.

Solidarität und emotionale Verbundenheit liessen sich auch mit Gebeten und…

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