(6) Penthouse Europas

Die Existenz einer eigenwilligen und eigenständigen Schweiz ist ein europäisches Bedürfnis.
Das wissen die meisten Europäer insgeheim.
Aber wissen es auch die Schweizer?

Die Alpen stehen noch. Aber aus dem heroischen Kleinstaat, der über die Jahrhunderte alles richtig machte, von der Abwehr fremder Vögte über die besonnene Demokratie bis zur immerwährenden Neutralität und behäbigem Massenwohlstand, ist eine Gemeinde der Kritik und des Selbstzweifels geworden. Je früher dieser Zustand überwunden wird, desto besser für die Schweiz – und für die Nachbarn.

Denn die Confoederatio Helvetica hat noch immer mehr zu bieten als den Gotthard, die Bahnhofstrasse und ein lädiertes Bankgeheimnis. Die Existenz der Schweiz, mit sich selbst im Gleichgewicht, bleibt ein europäisches Bedürfnis. Nicht allein wegen der stabilen Demokratie mit ihren Gewichten und Gegengewichten, des redlichen Zusammenlebens vierer durchaus unterschiedlicher Sprachgemeinschaften, der wirtschaftlichen Leistungskraft und der wissenschaftlichen Erfolge, sondern auch, weil die Schweiz den ausufernden Wohlfahrtsstaaten des übrigen Europa ein Modell der Selbstverantwortung und des Masshaltens vorführt. Von Genf bis St. Gallen ist es selbstverständlich, dass der Staat den Bürgern zu dienen hat, und jedes Referendum, auch das mühsamste, mahnt die Regierenden daran.

Nationale Interessen lassen sich nicht frei erfinden. Sie werden präformiert durch Lage und Geschichte eines Landes. So wie der britische Archipel bis heute von der Insellage bestimmt wird, so wird die Schweiz von den Alpenpässen geprägt. In schlechten Zeiten wird derlei deutlicher als in guten. Beide Länder tragen in ihrem kollektiven Gedächtnis die Vergangenheit und ihre Fährnisse.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Geographie schicksalhaft. Grossbritannien setzte dem «Unternehmen Seelöwe» die Royal Navy, Spitfires und Radar entgegen, blockierte die geplante Invasion der Insel und nutzte die special relationship mit den Vereinigten Staaten, um das Kriegsglück zu wenden. Bis heute sind die Folgen zu spüren, ob in der globalen Zusammenarbeit im Bereich der signals intelligence, also der nachrichtendienstlichen Informationsbeschaffung, der das weltweite Aufklärungs- und Überwachungssystem «Echelon» dient, oder in der Integration der britischen nuklearen Abschreckung in die amerikanischen Systeme. Das alles hat tiefe Wurzeln in Sprache, Lebensformen und Kultur, geht auf altes balance of power-Denken zurück und erklärt bis heute die Distanziertheit der Briten zum europäischen Projekt: Zollunion de luxe Ja, Integration Nein.

Die Réduit-Strategie von General Henri Guisan war die kühne Alternative zu hoffnungsloser Abwehr und Kapitulation. Guisan setzte nach der Flucht der Briten und der Niederlage Frankreichs 1940 auf Alles oder Nichts. Es ging nicht mehr um Verteidigung vom Bodensee bis zum Lac Leman, seitdem die heimlich zugesicherten sieben französischen Entsatzdivisionen verloren waren und die Schweiz allein stand, umgeben von den Diktatoren – bis zum 22. Juni 1941 Stalin eingeschlossen.

Angesichts dieser nahezu aussichtlosen Lage entwickelte der kaltblütige General eine Strategie des kalkulierten Risikos zwischen Anpassung und Abschreckung: Anpassung, indem die Alpenpässe offen blieben für die Schienenkommunikation der Achsenmächte; Abschreckung, indem die Schweiz, wenn angegriffen, die Pässe gesperrt und die Transitachse unterbrochen hätte. Das Element der Abschreckung hat noch nach 1945 das Verteidigungsdispositiv der Schweiz bestimmt, diesmal allerdings begünstigt durch den Nordatlantikpakt, die amerikanisch-britische Nuklearstrategie und die Zähmung der alten Dämonen Europas durch den Kalten Krieg. Das Element der Anpassung hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen in Kritik und Selbstkritik der Schweiz, am sichtbarsten in den Kompensationszahlungen für jüdische Fluchtgelder aus Nazi-Deutschland, die damals vom Bankgeheimnis geschützt waren.

Geographie ist freilich nicht ein durch alle Zeiten unwandelbarer Faktor, den die Menschen nicht ändern können. Man kann damit haushalten, oder man kann die Gunst der Lage verspielen. Die Polen beherrschten im 17. Jahrhundert das litauisch-polnische Grossreich und waren am Ende des 18. Jahrhunderts von der politischen Landkarte verschwunden. Die deutsche Politik, zwischen Überängsten und Übermut und religiös gespalten, fand seit dem Dreissigjährigen Krieg niemals auf lange Sicht die sicherheitstiftende Mitte. Frankreich füllte das Hexagon mit dem Anspruch: ein Gott, ein König, ein Gesetz, den die Revolution auf ihre Weise fortsetzte.…

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