(5) Worst Case ist nicht gleich Worst Case

Was kann schlimmstenfalls passieren, und wie kann es verhindert werden? Die Antworten hängen von vielen kulturellen Parametern ab. Über die unterschiedliche Risikobewertung zwischen Amerikanern, Europäern und Chinesen.

Ein Gedankenspiel. Nach tagelangen sintflutartigen Regenfällen ist ein Dorf komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Sie sind der einzige, der den Dorfbewohnern helfen könnte. Ein Bauer befindet sich verschüttet ausserhalb des Dorfes. Er schwebt in Lebensgefahr. Sie vernehmen seine verzweifelten Hilferufe. Retten Sie ihn nicht, wird er mit Sicherheit sterben. Allerdings ist auch das gesamte Dorf mit seinen 100 Einwohnern in Gefahr; der Damm ist kurz davor, zu brechen. Sie können es verhindern. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Dammbruchs schätzen Sie auf etwa ein Prozent. Sie müssen sich nun entscheiden, ob Sie den Verschütteten bergen oder die Dorfbewohner vor dem Dammbruch retten. Für beides reicht die Zeit nicht. Wie entscheiden Sie sich?

Dieses Entscheidungsdilemma wird interessanterweise je nach kulturellem Hintergrund sehr verschieden bewertet. Sowohl Chinesen wie auch US-Amerikaner empfinden es zufolge einer Studie (Bian und Keller 1999) zwar als «fair», den Bauern zu retten. Nur die Amerikaner würden es indes auch wirklich tun; die Mehrheit der Chinesen hingegen möchte lieber die Gefahr vom Dorf abwenden.

Die Bewertung solcher Situationen hängt eng mit dem Verhältnis zum Risiko zusammen. Dabei können zwei Prinzipien unterschieden werden. Die in der Tradition der Ingenieure stehende Kosten-Nutzen-Analyse versucht, die Eintretenswahrscheinlichkeit aller möglichen Schäden numerisch zu bewerten. Das Vorsorgeprinzip dagegen evaluiert lediglich den worst case, den grösstmöglichen Schaden, und versucht diesen auszuschliessen. Die Beurteilung derselben Frage kann, je nach dem einen oder anderen Ansatz, zu völlig verschiedenen Ergebnissen führen. Sind die Risiken einer neuartigen Technologie – wie zum Beispiel des Mobilfunks oder genetisch veränderter Lebensmittel – zu analysieren, wären nach dem Kosten-Nutzen-Ansatz wissenschaftliche Studien durchzuführen, die mögliche negative Effekte der neuen Technologie zu eruieren und zu messen hätten. Dabei ist zu beachten: sind solche Effekte nicht auszumachen, wird ihnen dennoch eine – extrem kleine – Wahrscheinlichkeit zugeordnet, die im wesentlichen dem «Restrisiko» eines möglichen Fehlers entspricht, der im Prinzip auch bei sorgfältigst durchgeführten Studien auftreten kann. Ist das Restrisiko klein genug, kann es eingegangen werden. Gemäss dem Vorsorgeprinzip hingegen wäre nur der schlimmstmögliche Fall – zum Beispiel noch nicht erkannte Gesundheitsschäden in Betracht zu ziehen. Jener Fall lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen, wegen des minimen systembedingten Restrisikos, das sich selbst durch weitere Untersuchungen kaum eliminieren liesse, da prinzipiell ja auch diese erneut keine absolute Gewissheit zu bringen vermöchten.

Werden vor diesem Hintergrund die unterschiedlichen Reaktionen von Chinesen und Amerikanern im Eingangsbeispiel analysiert, wird deutlich, dass Chinesen ihr Urteil tendenziell eher am worst case ausrichten und an involvierten Wahrscheinlichkeiten weniger interessiert sind als Amerikaner, die eher eine Kosten-Nutzen-Rechnung durchführen. Erklären liesse sich dies durch den Gegensatz zwischen individuellem und kollektivem Denken. Kollektives Denken führt dazu, dass «kleinen» Verlusten weit weniger Gewicht beigemessen wird als der geringsten Möglichkeit katastrophaler Folgen, die das Leben der ganzen Gemeinschaft in Frage stellen könnten. Dies wird auch durch eine Studie mit chinesischen und amerikanischen Teilnehmern gestützt (Wang 2006). Bei der Frage, welche Massnahmen zur Reduktion eines hypothetischen Gesundheitsrisikos zu wählen seien, war den chinesischen Teilnehmern eine «Reduktion der Zahl der Todesfälle bei einem einzigen Ereignis» sowie eine «breite Wirkung» sehr viel wichtiger als den Amerikanern. Beide Beobachtungen stützen die These, dass von Chinesen das kollektive Risiko höher bewertet wird als das individuelle. Auffällig war auch, dass Chinesen sich verhältnismässig stark um mögliche langfristige schädliche Folgen sorgten, während für Amerikaner die kurzfristigen Folgen im Vordergrund standen.

Kulturelle Unterschiede führen zuweilen zu kuriosen Erscheinungen. So hat in der Schweiz fast jedes Haus einen Schutzraum – die Schweizer denken an den worst case und folgen dem Vorsorgeprinzip. In den USA dagegen sind solche Schutzräume rar, obgleich – zumindest in den durch Tornados gefährdeten Gebieten – sehr konkrete Gefahren für solche sprächen.

Bei der Einschätzung…

(2) Worst Case als Show

Ökokatastrophe, Globalisierungsverlierer, Vergreisung der Gesellschaft: hinter der Beschwörung von Worst-Case-Szenarien können handfeste Interessen stehen. Bewahrung und bestenfalls Anpassung des Bestehenden sind die Folge, auf Kosten von Kreativität und der Suche nach neuen Lösungen.

(3) Worst Case als Planungsgrösse

Zu den Worst-Case-Szenarien, mit denen sich das «Labor Spiez» vor allem beschäftigt, gehört weder der atomare Vernichtungskrieg noch die Explosion
eines Atomkraftwerks. Das Institut für den Schutz vor ABC-Gefahren bereitet die Schweizer Bevölkerung vielmehr vor allem auf die Bedrohung durch terroristische Attacken mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen vor.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»