(5) Wenn sich die Grenzen verschieben

Die Biologie ist zur Leitwissenschaft des 21. Jahr-hunderts avanciert. Damit einher geht ein Wandel
im Verständnis der universitären Disziplinen:
Natur- und Geisteswissenschaften bilden in den Biowissenschaften keinen Gegensatz mehr.
Ein Rückblick – und ein Ausblick ins Ungewisse.

Die Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen und Forschungsfelder sind ständig im Fluss, und die Biowissenschaften insbesondere des 20. Jahrhunderts sind das lebendige Beispiel für Verschiebungen, die man im nachhinein als geradezu dramatisch bewerten muss. Die Biologie war aus dem 19. Jahrhundert als eine eigenständige, gegenüber Physik und Chemie relativ konsolidierte Formation hervorgegangen, in deren Zentrum immer noch Botanik und Zoologie standen. Doch hatte sich die Physiologie als Wissenschaft «von den Erscheinungen des Lebens, die den Tieren und den Pflanzen gemein sind», wie der französische Physiologe Claude Bernard es ausdrückte, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kräftig bemerkbar gemacht. Ihr fügte sich am Ende des Jahrhunderts die experimentelle Entwicklungsbiologie an, und das beginnende 20. Jahrhundert war gekennzeichnet vom kometenhaften Aufstieg eines Spätankömmlings im Verband biologischer Disziplinen: der Genetik. Physiologie, Entwicklungsbiologie und Genetik bildeten den Kern dessen, was man in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als «Allgemeine Biologie» zu bezeichnen begann.

Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts sollte sich diese Landschaft noch einmal grundlegend verändern. Zunächst waren es zwei Zwitterwissenschaften, die das Terrain neu sondierten und die Grenzen zur Chemie und zur Physik zur Disposition stellten. Der eine Hybrid war die Biochemie, deren Aufstieg in den 1920er und 1930er Jahren eng mit einer neuen Form der Untersuchung biologischer Prozesse verbunden war: der Charakterisierung von Enzymen und anderen biologischen Wirkstoffen im Reagenzglas. Die Biochemie stellte sich dar als eine Biologie «in vitro». Die andere Zwitterwissenschaft war die Biophysik, deren Aufstieg etwas verschoben in die 1930er und 1940er Jahre fiel. Er ging einher mit der Entwicklung einer ganz neuen Generation von Forschungstechniken, mit denen man die Struktur biologischer Grossmoleküle untersuchen konnte. Beispiele für solche Techniken sind die Ultrazentrifugation, die Elektronenmikroskopie und die Röntgenstrukturanalyse.

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand schliesslich die Molekularbiologie, eine Amalgamierung biophysikalischer und biochemischer Techniken mit genetischen Fragestellungen. In der Molekularbiologie und ihrem Kern, der molekularen Genetik, wurden Physik, Chemie und Biologie in ganz neuer Form aufeinander bezogen. Genau aus dieser Konstellation entwickelte sich eine neue, bisher nicht dagewesene Vorstellung von der Besonderheit des Biologischen, von biologischer Spezifizität, in deren Zentrum die Nukleinsäuren, insbesondere die DNA (Desoxyribonukleinsäure), standen und die auch in einem neuen Vokabular zum Ausdruck kam. Es kreiste um die Begriffe der genetischen Information und des genetischen Programms. Mit dem sogenannten molekularbiologischen Dogma – «DNA macht RNA, RNA macht Protein» – waren die Biowissenschaften insgesamt auf eine neue Grundlage gestellt. Sie führte in den späten 1950er Jahren in Amerika und in den 1960er Jahren in Europa auch an den Universitäten zu einer Reorganisation der Biowissenschaften, die sich an den molekularen Grundlagen zu orientieren begannen.

In den 1970er Jahren war es dann genau diese Molekularbiologie, welche die Gentechnologie in ihren mannigfaltigen Formen aus sich hervortrieb. Mit der Aussicht auf eine technologische Handhabung der molekularen Grundlagen des Lebens eröffneten sich für die Biowissenschaften neue Schnittstellen. Die Molekularbiologie war nicht länger ein esoterisches Unternehmen einer Gruppe reiner Grundlagenforscher, sondern wurde zu einem Feld, auf dem ökonomische und soziale Interessen sich mit den technologischen Entwicklungsaussichten dieser Wissenschaft in Medizin und Landwirtschaft zu verbinden begannen. Das Humangenomprojekt war der epistemische Ausdruck dieser neuen Konstellation, die Entwicklung der Biotechnologie-Industrie mit ihren eng geknüpften Beziehungen zur universitären Forschung ihr ökonomischer. Damit stellten sich aber auch neue soziale, kulturelle und ethische Fragen, die um die Anwendung der Gentechnik und Reproduktionsbiologie in der Humanmedizin und menschlichen Fortpflanzung wie auch in der Landwirtschaft, insbesondere in der Produktion von Nahrungsmitteln und nachwachsender Rohstoffe, kreisten. Hier berührten sie sich auch mit der Ökologie in ihrem Kampf gegen das Artensterben.

Dieses Bild wäre jedoch im wesentlichen unvollständig ohne die Erwähnung zweier weiterer Bereiche, die ebenfalls mit der facettenreichen Entwicklung…

(1) Wille zur Exzellenz

Gespräch mit Hans Weder Will eine Universität sich international behaupten,
muss sie auf Höchstleistungen setzen. Jeder soll studieren können, aber nicht jeder muss automatisch für jedes Masterstudium zugelassen werden. Hans Weder, Rektor der Universität Zürich, wünscht sich mehr Entscheidungsautonomie für die Universitäten – und ein Ende falscher helvetischer Bescheidenheit.

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