(5) Die 2000-Watt-Gesellschaft

Das sympathisch anmutende Experiment, im Zuge der CO2-Reduktion den Energieverbrauch auf 2’000 Watt pro Kopf zu senken, entpuppt sich als Festival des Dirigismus und als Versuch, die Lebensweise der modernen Industriegesellschaft einer romantischen Verblendung auszusetzen.

Die Energieszene ist in Bewegung. Geopolitische Verwerfungen, Energie als politischer Machtfaktor, Verschiebungen im Preissektor und vor allem die Offensive gegen den Klimawandel haben das energiepolitische Koordinatensystem durcheinandergebracht. Als Folge davon werden weitgespannte Energiestrategien und tiefgründige Szenarien entwickelt, die den Weg in eine gedeihliche Energiezukunft weisen sollen. Auch in der Schweiz zirkulieren private und amtliche Energieperspektiven zuhauf, die aber – kaum veröffentlicht – von angekündigten neuen Konzepten des Bundesrats abgelöst werden. Aus dieser Wirrnis ragt als ruhender Pol das Projekt einer 2000-Watt-Gesellschaft hervor. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass der ökologische Gedanke hochgehalten, dem überbordenden Materialismus die Stirn geboten und eine «gerechte», gleichmässige Aufteilung des globalen Energieverbrauchs auf die Erdbevölkerung angestrebt wird. Auf der Basis von 2’000 Watt pro Kopf (entspricht der heute im Durchschnitt über das Jahr beanspruchten Leistung pro Kopf der Weltbevölkerung) soll sich die industrielle Welt mit ihren hohen Watt-Ansprüchen (Schweiz rund 5’000 Watt Leistung aus Primärenergie pro Kopf und Jahr, USA 12’000) mit dem zukünftigen Bedarf der Entwicklungsländer einvernehmlich treffen, die heute noch mit wenigen 100 Watt pro Kopf auskommen müssen. Eine energetisch uniforme Solidarität unter den Völkern soll also die Richtschnur sein. So besehen, fasziniert die 2000-Watt-Idee – sie nährt die Hoffnung auf eine harmonische, umweltbewusste und bessere Welt.

Aufwallungen gegen das Überhandnehmen eines ungestümen industriellen Wachstums kommen periodisch vor. Die Ökologie war der wesentliche Inhalt des im Jahre 1969 erschienen Berichts des Club of Rome, der gegen den stürmischen Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit reagierte und der – bezüglich der Schweiz – die vom Autor dieses Berichts geleitete «Eidgenössische Kommission für die Gesamtenergie-Konzeption» (GEK) in den Siebzigerjahren nachhaltig beschäftigte. Opposition gegen die Technisierung des Alltags kam jeweils anlässlich von Volksabstimmungen über die Kernenergie auf, als – in Analogie zum heutigen Projekt der 2000-Watt-Gesellschaft – der umstrittenen Kernenergie mit dem Hinweis auf Energieeffizienz und erneuerbare Energieformen entgegengetreten wurde. Heute aber hat die Idee einer 2000-Watt-Gesellschaft in der Schweiz, im Zusammenhang mit der Sorge um das Klima und der Forderung nach CO?-Abbau, eine besondere Resonanz gefunden. Die 2000-Watt-Gesellschaft schweizerischer Prägung bedeutet nicht nur eine Verminderung des Energieverbrauchs von 5’000 auf 2’000 Watt pro Kopf, das heisst um 60 Prozent, sondern auch eine Verminderung der CO?-Emissionen von 6 auf 1 Tonne pro Kopf, das heisst um den Faktor sechs.

Mit Blick auf dieses ehrgeizige Ziel stellt sich die Gretchenfrage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie der politischen wie auch wirtschaftlichen Realisierbarkeit einer solchen Prozedur. Um dieser Frage systematisch nachzugehen, ist Hans-Luzius Schmid, ehemals Stellvertretender Direktor des Bundesamts für Energie und Stabschef der genannten GEK-Kommission für Fachfragen, zugezogen worden.

Die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft ist nicht neu. Sie wurde vom Bundesrat in seinem Bericht «Strategie Nachhaltige Entwicklung» bereits 2002 als Zielvorstellung für die Nachhaltigkeit im Energie- und Klimabereich bezeichnet. Bundesrat Leuenberger hat kürzlich seine Sympathien für dieses Ziel erneut bekräftigt. Die Schweizer Wirtschaft hat sich bisher publizistisch kaum damit befasst. Dagegen liegen verschiedene neue Analysen zum Thema vor, insbesondere die Ellipson-Studie vom April 2006 im Auftrag von vier Umweltorganisationen, genannt «Wegweiser in die 2000-Watt-Gesellschaft», und das im Rahmen der Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie (BFE) erarbeitete Szenario IV mit dem Titel «Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft». Auch das Paul-Scherrer-Institut (PSI) hat sich kürzlich ebenfalls mit dem Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft auseinandergesetzt. Auch diese Studie wurde in die vorliegende Arbeit einbezogen. Alle diese Analysen beziehen sich auf schweizerische Verhältnisse; auf internationaler Ebene hat die 2000-Watt-Gesellschaft bisher wenig Echo gefunden.

Gemäss Ellipson-Studie (1) könnte der Energieverbrauch bei gleichbleibendem Lebensstandard bis 2050 maximal um 40 Prozent auf 3’500 Watt und bis 2100 auf 3’000 Watt pro Kopf reduziert werden, «wenn sämtliche Akteure bei jeder Konsum- und Investitionsentscheidung im Rahmen der normalen Konsum- und Erneuerungszyklen sich jeweils für…

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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