(5) Das neue Familienbewusstsein

Staatliche Betreuungsplätze, Mittagstische, Schulobligatorium, Alimenten-Regelungen – der Staat mischt sich in die Aufgaben der Familien ein. Wie sieht dies die neue, junge Elterngeration?

Wie sind Heranwachsende zu erziehen? Welche Rollen spielen dabei die Beziehungen zwischen den Generationen – und der Staat? Wie sieht sich das Individuum als Teil der Gesellschaft? Was ist seine Aufgabe als Bürger? Wie immer man diese Fragen im einzelnen beantworten mag und unabhängig davon, ob man nun Kinder hat oder nicht, wird man ständig mit ihnen konfrontiert. Sie gehören zu den drängendsten Fragen der Gegenwart. Und dennoch – sie sind so alt, wie unsere Erinnerung zurückreicht.

Dass der Staat bei all diesen Fragen schon früh mitmischte, zeigt ein Blick in die Geschichte. Seit Sparta gab es Schwanken zwischen Wohlwollen und Brutalität, zwischen staatlich gewährtem Privatismus und gezielten Versuchen, Familien und ihr subversives Potential aufzulösen. Über das Verhältnis der Spartaner zu ihren Familien schreibt der Pädagoge Rudi Palla:* «Die Erziehung war es, die der sagenhafte Lykurg ‹als die grösste und wichtigste Aufgabe eines Gesetzgebers› betrachtete; aus diesem Grund lag sie auch in den Händen des Staates und hatte Gewöhnung an streng militärischen Gehorsam, Disziplin, Selbstbeherrschung und äusserte Abhärtung zum Ziel.»

Soll aus einem Kind ein Mensch oder ein Bürger werden? Beides sei nicht möglich, meinte Jean-Jaques Rousseau. Oder doch? Hielt der Patriarch in der bürgerlichen Familie des 18. Jahrhunderts durch Alleinherrschaft seine Sippschaft zusammen, wurde das Arbeiterkind während der Industrialisierung als Billigstlöhner eingesetzt, so begann vor rund 200 Jahren ein anderer Faktor das Verhältnis von Familie, Individuum und Staat nachhaltig zu beeinflussen: die urliberale Forderung nach Bildung für alle.

Es waren aufklärerische Kräfte, die die Bildung dem kirchlichen Klammergriff entrissen. Es waren Liberale, die den wachsenden Ansprüchen von Gewerbe, Handel und Industrie entgegenkommen und mit der hartnäckigen Forderung nach obligatorischer, vom Staat sichergestellter Ausbildung allen Kindern aus allen Schichten Zugang zu Bildung ermöglichen wollten. Es waren liberale Aufklärer, die damit die Autonomie der Familienpatriarchen in Frage stellten. Sie setzten das Schulobligatorium durch und verliehen der Schule die Aura einer – in der Schweiz bis heute anhaltenden – staatlich sanktionierten Institution. «Der liebe Gott weiss alles und der Herr Lehrer noch ein bisschen mehr», hiess es mehrdeutig und ironisch gefärbt noch während meiner Kindheit auf dem katholisch geprägten Land. Es waren Liberale, die, mit einer neudefinierten Ausbildung ohne starke religiöse Schlagseite, aus den Menschen erst jene Staatsbürger machten, auf die ein demokratischer Staat baut – und auf die er angewiesen ist.

So kam es, dass das staatliche Schulobligatorium zunehmend den Familienalltag prägte. Eltern konnten ihre Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte einsetzen, sondern mussten sie gewaschen, gekämmt und guternährt zur Schule schicken. Und waren die langen Sommerferien früher noch Zugeständnisse an den bäuerlichen Alltag, verschwanden die «Heuferien» irgendwann vom Stundenplan.

Sosehr die Familie heute als Glücksbringer und Privatsache, und die Erfindung der Kindheit als wesentlicher Schritt in die Familie der Moderne betrachtet wird, sosehr war sie lange Zeit geprägt von ökonomischen, gesellschaftlichen und moralischen Zwängen. Steile Hierarchien, die Macht und Besitz den Ältesten zuhielten und jüngere Geschwister meist zu Mägden und Knechten degradierten, prägten Familien und deren Beziehungen zwischen den Generationen. Der private Raum war kein Schonraum, sondern mitunter voller Ungleichheit, Kinderfeindlichkeit und Frauenverachtung. Der Staat verweigerte Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre gesetzliche Gleichstellung mit den Männern, schränkte ihren Handlungsspielraum ein und war auch damit mehr als nur Pinselhalter bei der Kreation von Familienbildern.

Der Aufstieg der Markt- und Kontraktgemeinschaft bedeutete den Niedergang des patriarchalen Hauskommunismus. Arbeitsteilige Geldwirtschaft und moderner Rechtsstaat haben dem Individuum erst auf die Beine geholfen und seine Freiheit gefördert. Seither sind Freiheit und Individualität einerseits und Familie und Staat anderseits unauflöslich miteinander verwoben.

Die Familie (oder der Staat) erlaubt es einem Individuum, sich zu realisieren, doch zugleich beschneidet die Familie (oder der Staat)…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»