(5) Appenzellermusik zwischen Tradition und Innovation

«Das Feuer, nicht die Asche bewahren» ist der Leitsatz des Zentrums für Appenzellische Volksmusik.
In der Appenzellermusik prallen heute experimentelle Stücke, die Suche nach neuen Wegen und aller-
hand Fantasien auf Traditionelles: ein Schmelztiegel, der das Musizieren belebt.

Bis etwa 1800 sind Dokumente zum musikalischen Schaffen des Appenzellerlandes rar, in jedem Fall aber von Bedeutung: Herr Heinrich von Sax, Burgherr auf Clanx um 1270 (die Burg lag über dem Talkessel von Appenzell) ist in der Manessischen Liederhandschrift mit fünf Liedern vertreten. Auch wenn nur die Texte überliefert sind, so ist es doch der früheste Beleg für eine musikalische Betätigung in unserer Region. Von dieser höfischen Musikkultur geht es bei den späteren Dokumenten bald in volkstümliche Gefilde hinüber. 1545 überliefert uns Georg Rhaw ein Bicinium (zweistimmigen Satz) mit dem Textincipit «Der Appenzeller Kureien Lobelobe». Und da startet der Kuhreihen seine steile Laufbahn und wird zum populären Lied der Region. Er ist ein Konstrukt aus Jodel, Jodellied (mit Textpassagen), tänzerischen Elementen, Lockrufen und Lobgesang: der wertvollste Besitz der Sennen wird präsentiert, indem der Reihe nach (so erklärt sich der Begriff Kuh«reihen») die Lieblinge aufgezählt werden: «die hinckat, die stinckat, die gscheget, die gfleckhet, die glatzet, die blatzet, schwantzeri, tantzeri, glintzeri, blintzeri, d leneri, d freneri, …» (aus der ältesten textierten Fassung: Liederbuch der M.J.B. Brogerin, Appenzell 1730). Er wurde «stundenlang» gesungen, ist in der Literatur nachzulesen; er wurde auch «getantzet». Und damit ist der Kuhreihen auch eine der Grundlagen für das instrumentale Musizieren im Appenzellerland.

Bereits im 17. Jahrhundert hat die Regierung Innerrhodens die Kirchenmusik gefördert (Anschaffung zweier Geigen auf die Orgel). Es darf angenommen werden, dass sich jene Geiger, nebst der Kirchenmusik, auch mit Tanzmusik befassten. Belege dafür sind allerdings erst gegeben mit der Brogerschen Musik aus Gonten (nach 1800). Die kürzlich transkribierte und publizierte Sammlung «Altfrentsch» gibt einen Einblick in die instrumentale Betätigung jener Zeit und zeigt deutlich auf, welch grossen Wandel die Appenzellermusik durchgemacht hat. Es war ein langer Weg bis zur bekannten Form der «Original Appenzeller Streichmusik» (erste und zweite Geige, Hackbrett, Cello, Kontrabass), begründet im Jahre 1892 mit dem Quintett Moser, Appenzell. Und seither, in diesen gut 100 Jahren, hat die Appenzellermusik wiederum viele Veränderungen erfahren, wagte sich oft in Experimente hinein und lebt auf der Basis traditioneller Elemente in Verbindung mit neuen Schöpfungen selbstsicher weiter.

A propos «neue Formen»: unterdessen ist die Appenzellermusik auch hitparaden-tauglich geworden, und zwar mit der Streichmusik Alder aus Urnäsch, der ältesten Musikerdynastie des Appenzellerlandes. Geschafft wurde der Sprung in die Charts durch die Kombination alter traditioneller Volksmusik mit Rap. Eigentlich die Symbiose von heiler Welt mit Heileweltsuche. Das Experiment scheint vorerst gelungen.

Seit je waren dem Appenzeller Musik und Gesang seine Begleiter; seine Sennengesänge werden schon in Publikationen des 18. Jh. als etwas Besonderes hervorgehoben. Der Grundstein für die eigentliche (instrumentale) Tanzmusik bzw. Appenzeller Streichmusik wurde vor allem im 19. und 20. Jahrhundert gelegt, für manche Spielmannen wurde das Musizieren zu einem nicht unbedeutenden Nebenerwerb, für einzelne gar zum Hauptberuf. Darum ist es verständlich, dass bis in die 1960er Jahre ein echter Konkurrenzkampf unter den Spielleuten und Formationen bestand; es war wichtig, die einträglichen Auftrittsmöglichkeiten und damit die Existenz zu sichern.

Auch heute noch spielt die Instrumentalmusik im Appenzellerland eine wichtige Rolle. Allerdings hat sich manches geändert; ein Repertoire ist nicht mehr genuin (war es auch früher eigentlich schon nicht), sondern durchsetzt mit allerhand Hitparadenstücken und volkstümlichen Schlagern. Wer Stücke komponiert, veröffentlicht sie gerne und hält sie womöglich auf Tonträgern fest – da fallen vielleicht noch Tantiemen ab. Und daneben gibt es einen weiteren Zweig der Aufführungspraxis: gewisse Formationen spielen heute gar nicht mehr zum Tanz auf, sondern nur noch konzertant. So lebt die «Original»-Appenzellermusik auf einer anderen Schiene weiter. Sie wird zur Konzertreife gepflegt, fragt nach höherer Ausbildung, wird akademisch.

Viele Musikanten weigerten sich, von ihrer Musik Aufnahmen machen zu lassen, die sie als Verrat an der Appenzellermusik empfanden: jedermann konnte die Stücke abhören und nachspielen, es fehlte jegliche Kontrolle über die Verbreitung. Trotzdem ist es erstaunlich, dass gerade die ältesten Plattenaufnahmen hierzulande realisiert wurden: 1898 (Sänger Josef Anton Inauen aus Appenzell: erste Schweizer-Schellackaufnahme überhaupt); 1904 (Quintett Moser, Appenzell, und «Jodlergesellschaft Burestobe Appenzell»: erste Schellacks mit Schweizer Volkmusik), 1911 (Urnäscher Streichmusik – die spätere Streichmusik Alder). Diese damals als «tooti Musig» bezeichneten Scheiben sind heute von nicht geringer Bedeutung, dokumentieren sie doch die Spielweise und das Repertoire jener Musiker und jener Zeit. Und sie zeigen klar, dass sich die Appenzellermusik auch in den letzten hundert Jahren wieder stark gewandelt hat, sei es in den Bereichen Spieltechnik, in der Dynamik, Agogik und den Zutaten (in die Stücke hinein zauren, rufen und he-ele). Die Stücke von damals aber haben überlebt, sind zu Klassikern geworden, werden heute noch gespielt. Sie sind lebendig geblieben, also keineswegs «tooti Musig», eben Live-Musik.

Im Jahre 2003 wurde die Stiftung Zentrum für Appenzellische Volksmusik gegründet. Die ihr obliegenden Aufgaben sind die Sicherung, Erforschung und Förderung der Appenzellermusik aller Sparten. Und die besteht nicht nur aus Original-Streichmusikformationen. Handorgel, Schwyzerörgeli, Klavier und weitere Instrumente haben Einzug gehalten ins regionale musikalische Schaffen und sind nicht nur akzeptiert, sondern auch erwünscht. Gleichwertig sind unterdessen auch Blasmusikformationen mit Appenzellerstücken; Stegräf nennt man das. Auch sie spielen ein Repertoire, das vom Rugguusseli oder Zäuerli (langsamer Jodel) über Walzer, Polka, Schottisch, Mazurka, bis hin zur Marschmelodie reicht. Und damit’s recht lieblich klingt, nennt der Musikant seine Stücke liebevoll «Wälseli, Pölkeli, Schötteschli…»; die Stücke sind zwar ohnehin schon schlääzig und teenzig, wie Hung ond Flade.

Auch im vokalen Bereich tut sich einiges. Jodelchöre, Gesangsgruppierungen von Duo bis Oktett sowie Einzelkämpfer und -kämpferinnen lassen die Naturjodelmelodien in neuem Glanz erscheinen, und mit den kürzlich publizierten «Ratzliedli» hat auch das traditionelle Spott- oder Necklied seinen Platz im Appenzellerland zurückerobert. Die Pflege des Schölleschötte, Talerschwinge, rugguussele und zaure – und dies alles in Verbindung mit der passenden Kleidung, der Tracht – sind offenkundige Beweise, dass echte Folklore eben nicht verstaubt, sondern sehr lebendig ist. Und die Pflege dieser Traditionen geschieht nicht des Zuhörers wegen, nicht für die Frönte, also die Fremden (vielleicht ja schon auch ein bisschen), kommt aber in jedem Fall von Herzen, von innen, sie lebt.

Zahlreiche junge Musikantinnen und Musikanten sind auf den Geschmack gekommen, dass in der Volksmusik ein Tummelfeld mit Zukunftsaussichten bereitsteht. Da scheut man sich nicht, die Tracht anzuziehen, Hackbrettstunden zu nehmen, in einer Jugendformation mitzuspielen und aufzutreten. Und das erst noch mit speziellen Formationsbezeichnungen wie «Hungsügl, Kalöi, Edelstee, Dewiisli, Badeieli, Flickflauder». Tradition ist gefragt, man pflegt sie und verbindet sie mit Neuem. Die Appenzellermusik steht dank den Jungmusikanten nicht still, sie entwickelt sich fortwährend, sie blüht. Und sollte es einmal einen Stillstand geben, so wäre das ein klarer Auftrag an das Zentrum für Appenzellische Volksmusik (dahinter stehen die beiden Kantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden), dem musikalischen Schaffen einen neuen Schubs zu geben.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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