(4) Zwischen Heilsbotschaft und Mantra

Mikrokredite gibt es nicht erst seit gestern: Menschen schliessen sich zusammen und leihen einander auf gut Glauben hin Geld. Bleibt die Frage, ob dies arme Menschen nachhaltig aus der Armut führt.

«Mantra» sind geheiligte Formeln, die den Menschen durch ständige Wiederholung mit der Gottheit verbinden sollen. Doch besteht die Gefahr, dass das Mantra erst zu einem Ritual und dann zu einem Slogan verkommt – das eigentlich Wesentliche wird dabei vernebelt und verschwindet schliesslich ganz.

Während der vergangenen drei Jahrzehnte ist es der Botschaft der «Mikrokredit»-Idee so oder ähnlich ergangen, als sie zunehmend Eigang in die etablierte Entwicklungsökonomie fand. Trotz anhaltender Beschäftigung mit den Methoden, wie der Finanzierungszugang für die Armen und die verletzlichen Teile der Gesellschaft zu verbessern wäre, gibt es nur wenig dokumentierte Anhaltspunkte dafür, ob Leute dadurch tatsächlich auf der ökonomischen Leiter nach oben gekommen sind.

Man ist an die Sache auf unterschiedlichste Arten herangegangen. Die Wirkung indes blieb ohne Unterschied vage, sei es, wenn auf der einen Seite Muhammad Yunus in Bangladesch darauf besteht, bei den Mikrokrediten gehe es um Hilfe für die Armen und nicht um Gewinnmaximierung, oder wenn auf der anderen Seite Compartamos Banco in Mexiko sein Hochzinssystem als unerlässlich präsentiert, um Anleger für die Finanzierung der Mikrokreditoperationen zu gewinnen.

Ob gewinnorientiert oder nicht, die Mikrofinanz boomt. Gemäss der Deutschen Bank erreichte das Gesamtvolumen der Mikrofinanzkredite 2007 den Betrag von 25 Milliarden US-Dollar, gegenüber 4 Millarden im Jahr 2001, und weitere 250 Milliarden Dollar werden noch gebraucht. Die Bank erwartet, dass private Anleger 2015 die Summe von 20 Milliarden Dollar in Mikrofinanzinstitutionen einschiessen werden – das Zehnfache von 2006, wie die Nachrichtenagentur Associated Press vergangenen Juli in einem aus Bangkok datierten Artikel bemerkt.

In diesen Zeiten wirtschaftlichen Aufruhrs, da die Finanzkrise weltweit selbst die ehrwürdigsten Institutionen des internationalen Kapitals erschüttert hat, haben einige Leute untersucht, ob sich vielleicht von der Welt der Mikrofinanz etwas lernen liesse. Swaminathan Aiyar, ein in Indien weitbekannter Wirtschaftsjournalist, schrieb letzten Oktober: «Die grosse Lektion für Wallstreet besteht darin, dass Kredite gegen Deckung jemanden für die Notwendigkeit blind machen können, sich der Rückzahlungsfähigkeit der Kreditnehmer zu versichern. US-Banken haben während der Immobilienblase frischfröhlich Hypotheken von 100 Prozent des Hauswertes erteilt und sind dann ins Verderben gelaufen, als die Hauspreise zu fallen anfingen. … Mikrofinanz dagegen funktioniert ohne jede Deckung. Mikrofinanzinstitutionen (MFI) halten die Kredite bewusst klein – bequem innerhalb der Rückzahlungsfähikeit des Schuldners. Einige MFI erteilen erste Kredite von lediglich 100 US-Dollar für ein Jahr. Diejenigen, die zurückzahlen, kommen für einen höheren Folgekredit in Frage, beispielsweise 150 US-Dollar, und der dritte Kredit kann nochmals höher sein. Trotzdem setzen die MFI zur Vorbeugung gegen Überschuldung einen absoluten Kreditplafond, zwischen 250 und 500 US-Dollar, je nach örtlichen Wirtschaftsverhältnissen. Wallstreet braucht ähnliche Schutzzäune.»

Der Mikrokredit hat ferner zu einer Flut herzerwärmender Geschichten geführt, von Armen und wie sie dank kleinen Darlehen zu Schmieden ihres Glückes wurden.

– Eine Witwe begann in ihrem Haus eine Hühnerzucht, mit weniger als 100 US-Dollar.

– In einem zentralindischen Dorf stieg eine Gruppe Stammesangehöriger mit 250 US-Dollar in den Handel in Gelbwurz (Kurkuma) ein und schaltete die Zwischenhändler aus.

– Mit einem kleinen Darlehen von 200 US-Dollar kaufte sich ein Bauer zwei Kühe und besserte das Familienbudget auf.

– Mit 150 US-Dollar begann eine Mutter eine Korbflechterei in der Hoffnung, so für die Ausbildung ihrer Tochter aufkommen zu können.

– Ein junger Mann verwendete ein Darlehen von 200 US-Dollar zum Kauf einer Dreirad-Rikscha und machte sich so unabhängig.

Dies sind inspirierende Momentaufnahmen von unternehmungsfreudigen, allen Hindernissen trotzenden Leuten. Dennoch ist Vorsicht angebracht – wovon diese Geschichten uns nämlich nichts erzählen, ist die Situation vor und nach der Darlehensaufnahme.

Warum ist es beispielsweise für so offensichtlich lebensfähige kleine Unternehmungen dermassen schwierig, von normalen Banken Geld zu bekommen? Ferner: tragen all diese unverkennbar produktiven Tätigkeiten zur Gesamtproduktivität nennenswert bei? Diese Frage ist von Bedeutung, wenn man verstehen will, warum es so wenig Anzeichen breiterer wirtschaftlicher Effekte der Mikrokredite gibt.

Die erste Erkenntnis dabei ist, dass die Mikrokredite zwar über die Voraussetzung verfügen und es auch oft schaffen, Leute aus dem Hunger heraus auf ein Subsistenzniveau zu heben, dass es dann aber dabei bleibt und nur selten nach oben weitergeht. Warum? Einer der Gründe ist, dass das Problem der Armut nicht nur eine Frage des Zugangs zu Kapital ist. Primär ist, dass die Armen keine Möglichkeit haben, ihre Aktiven – seien es Sach- oder immaterielle Werte, wenn sie einmal welche haben – zu kapitalisieren; denn es fehlt an konkreten Eigentumsrechten – etwas, das der peruanische Ökonom Hernando de Soto in seinem lesenswerten Buch «Freiheit für das Kapital!» (Berlin: Rowohlt, 2002) angesprochen hat.

Doch selbst ein klarer Besitztitel für ein Stück Eigentum ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend, um Zugang zu Kapital zu verschaffen, wenn das wirtschaftliche Umfeld dem entgegensteht. Nehmen wir den Fall von Meera aus Delhi, einer jener vielen armen Inderinnen, die als Hausangestellte arbeiten; Meera tat dies seit mehr als 25 Jahren. Während dieser Zeit hat sie einen kranken Ehemann durchgebracht und zwei Söhne und eine Tochter grossgezogen. Sie hat es sogar zu einem eigenen Haus in einem Arbeiterquartier geschafft. Heute verdient sie zwischen 150 und 200 US-Dollar im Monat. Dieser fürstliche Lohn ist mehr als doppelt so hoch wie das durchschnittliche indische jährliche Pro-Kopf-Einkommen von 800 US-Dollar. Sie ist offensichtlich existenzfähig und hat Aktiven. Doch trotz ihrem Cashflow sind die Banken nicht bereit, ihr ein Konto zu eröffnen, da dieser ausschliesslich in bar anfällt und es ihr deshalb fast unmöglich ist, ihn deren Anforderungen gemäss zu dokumentieren!

Und selbst wenn sie die Bank zu einer Kontoeröffnung bringen kann, muss Meera ihren Sparwunsch beweisen, indem sie ein Sparkonto einrichtet, auf das sie einen monatlichen Festbetrag einzuzahlen hat – als Beleg ihres guten Glaubens! Sucht sie dann um ein Darlehen nach, um die Hochzeit ihrer Tochter auszurichten, sind ihre Aktiven in Form eines Hauses, ihr Cashflow und ihr Bankkonto dabei zu nichts nütze. Die Bank gibt ihr für einen solchen Konsumzweck kein Geld. Aber es ist ebenfalls äusserst zweifelhaft, ob sie welches bekäme, sollte sie ein Geschäft aufziehen wollen; die Bank würde die Deckung und den Cashflow als ungenügend betrachten.

Ist es ein Zufall, dass zwischen 60 und 70 Prozent der Haushalte in Indien über kein Bankkonto verfügen? Nur ein minimaler Bruchteil der Bevölkerung benutzt Kreditkarten. Seit dem 11. September 2001 ist in Indien die Eröffnung eines Bankkontos und somit der Kreditzugang bei klassischen Banken und Institutionen noch schwieriger geworden. Wie aber soll einer, ausgesperrt aus den normalen Bereichen der Wirtschaft, sich der Möglichkeiten dieser Wirtschaft bedienen können?

Und so stellen wir zweitens fest: die Mikrofinanzprotagonisten haben sich kaum je für eine Reform des etablierten Finanzwesens und seiner Institutionen eingesetzt. In armen Ländern sind Bankdienstleistungen sehr dünn gesät, was hohe Transaktions- und verdeckte Kosten widerspiegelt, die solche Dienstleistungen für Arme unerschwinglich machen (wie erwähnt, haben kaum 30 Prozent der indischen Haushalte ein Bankkonto). Folglich beherrschen unabhängige Geldverleiher das Feld, die sich zumeist ausserhalb der Gesetze bewegen.

Um mit Meeras Geschichte fortzufahren: sie hatte dann die Wahl, entweder Geld zu 10 Prozent pro Monat von einem lokalen Geldverleiher zu borgen oder es nochmals bei der Bank zu versuchen. Dank ihrer Vorgeschichte als zuverlässige und ehrliche Arbeitskraft gelang es ihr, einen ihrer Arbeitgeber zu überzeugen, in seinem eigenen Namen für sie einen Bankkredit von 2’000 US-Dollar aufzunehmen, und sie versprach, das Darlehen über die folgenden drei Jahre samt 16 Prozent Jahreszinsen an die Bank abzutragen. Natürlich genügte diese Summe nicht für alle mit einer Heirat zusammenhängenden Kosten, und so musste sie zusätzlich noch kurzfristig Geld beim Geldverleiher auftreiben.

Über die letzten zwei Jahrzehnte, seit es den Banken erlaubt ist, Mikrokredite anzubieten, sind schätzungsweise über eine Million Selbsthilfegruppen aus dem Boden geschossen, und 20 bis 30 Millionen Leute (bei 1050 Millionen Einwohnern 2004) haben wahrscheinlich Zugang zu Kredit in irgendeiner Form gefunden. Doch im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung ist Mikrofinanz nicht dank diesen Institutionen entstanden. Es gab sie schon lange.

Seit Jahrhunderten haben sich innerhalb verschiedenster Gemeinschaften spontan Gruppierungen gebildet, um die Kreditbedürfnisse der Gemeinschaftsmitglieder auf informelle Art zu decken. Selbst heute, und selbst nach dem offiziellen Segen zu den Selbsthilfegruppen, gibt es in Indien weiterhin solche informellen Kreditgesellschaften, von ihren Mitgliedern oftmals «Komitees» genannt. Diese können aus Nachbarschaftsgruppen oder einem Kreis von Arbeitskollegen bestehen, wobei ihnen typischerweise gemeinsam ist, dass es sich dabei um wenigverdienende Leute ohne Zugang zu normalen Kreditquellen handelt.

In den Geschäftshäusern Delhis sind es häufig Bürodiener und Laufburschen, die solche Komitees bilden, und ein oder zwei vertrauenswürdige Mitglieder der Gruppe fungieren als «Banquiers». Jeden Monat zahlt jedes Mitglied dem Banquier einen festgelegten Betrag ein, und ein anderes Mitglied kann ein Darlehen zu einem äusserst niedrigen Zinssatz beziehen. Gewöhnlich lösen sich die Komitees auf, wenn ein Darlehenszyklus zu Ende gekommen und jedes Mitglied an der Reihe gewesen ist. Und dann kann das Komitee erneut aufleben, für eine neue Runde von Einzahlungen und Darlehen.

Meera ist ebenfalls Teil eines solchen Komitees von Frauen aus der Nachbarschaft. Sie und die anderen Mitglieder legen jeden Monat je ungefähr 5 US-Dollar ein und haben Anspruch auf ein Darlehen von 55 US-Dollar in einem Jahr. Dies mag sehr unbedeutend erscheinen, aber es kann oft wesentlich dazu beitragen, die Küche über die Runden zu bringen oder mit Notfällen fertigzuwerden.

Während Mikrokredit ohne Zweifel sehr nützlich ist, ist er aber gleichzeitig ein Symptom umfangreicher Mängel des etablierten Bank- und Finanzsektors. Ohne Senkung der regierungsbedingten Kosten, ohne Öffnung des Finanzsektors für mehr Wettbewerb, und ohne Senkung der Transaktionskosten kann der Graben zwischen dem traditionellen Kreditangebot und den Bedürfnissen nach Mikro- und Kleinkrediten und nach Bankfähigkeit nicht überbrückt werden.

Und so läuft die Mikrokreditdiskussion am Ende darauf hinaus, dass primär Rechtssicherheit, Unverletzlichkeit der Verträge und Achtung der Eigentumsrechte sichergestellt werden müssen. Gemeinsam tragen sie zur Entwicklung einer Wirtschaft bei, in der dann regierungsbedingte und Transaktionskosten die Geschäftstätigkeit nicht entscheidend belasten und in der die Wirtschaftssubjekte durch Wettbewerb dazu genötigt werden, innovativ neue Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, die die Bedürfnisse der unterschiedlichen Kunden – armer wie reicher – erfüllen.

Der Mikrokredit ist nun aber unglücklicherweise zu einem Mantra entartet und zur Wunderwaffe hochgejubelt worden, die der Armut den Garaus macht. Entsprechend hat er Regierungen und alle möglichen Hilfswerke und Organisationen auf den Plan gerufen, die sich nun bemühen, lokale Mikrokreditinstitutionen in die Welt zu setzen oder unter ihre Fittiche zu nehmen. In der Folge haben viele Mikrofinanzinstitutionen den Sinn verloren für ihre eigenen organischen Wurzeln innerhalb der Gemeinschaften, in denen sie tätig waren, und existieren oft nur dank dem Tropf kaschierter Subventionen. Es darf deshalb nicht verwundern, wenn kaum Anzeichen dafür auszumachen sind, dass der blosse Rückgriff auf Mikrokredite es irgendeiner Gesellschaft erlaubt hätte, sich den Klauen der Armut entscheidend zu entwinden.

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