(4) Sind die Enron-Verantwortlichen Verbrecher?

Die Ursachen des Zusammenbruchs von Enron sind sehr komplex. Wer den Konkurs allein den damals verantwortlichen Unternehmensführern in die Schuhe schiebt und sie zu Verbrechern stempelt, vereinfacht das Problem in populistischer Manier.

Bei der Verurteilung der Enron-Manager Ken Lay und Jeffrey Skilling durch das zuständige Gericht waren sich alle Meinungsmacher einig: das «System» funktioniert bestens, da es ja Leute verurteilt hat, die kolossale Verbrechen begangen hatten und die nun einen grossen Teil ihrer verbleibenden Tage im Gefängnis zubringen werden. So kommentierten etwa Bethany McLean und Peter Elkind in Forbes unter der Schlagzeile «Die schuldigsten Kerle im Raum» das Urteil mit folgenden Worten: «Wir begrüssen einige eindeutig positive Auswirkungen des Enron-Urteils. Erstens bringt es jenen Angestellten, die im Enron-Konkurs alles verloren haben, in gewisser Weise Trost oder Vergeltung. Ferner stärkt es wieder den Glauben daran, dass man sich in unserem Justizsystem – ungeachtet aller gegenteiligen Unkenrufe – mit Reichtum und der Fähigkeit, sich für Millionen ein Team von Staranwälten zu leisten, nicht unter allen Umständen die Freiheit erkauft.»

Wenn man die Geschichte etwas genauer verfolgt, wird klar, dass es bei dem Fall nicht um etwas geht, was herkömmlicherweise unter den Begriff kriminellen Tuns fällt. Nein, Lay und Skilling wurden deswegen verurteilt, weil Enron sich zu einer gigantischen Pleite entwickelt hatte. McLean und Elkin schreiben: «Die Hauptbedeutung des Urteils liegt in der Botschaft, die es der Geschäftswelt sendet. Anfänglich sah alles nach einer ganz einfachen Geschichte aus, die nach rascher Rechtsprechung rief. Ein Highflyer-Unternehmen verschwand fast über Nacht; ein CEO stieg vor dem Kollaps aus; Topmanager verkauften – einige im Stillen – Firmenaktien für Dutzende von Millionen Dollars, alldieweil Angestellte und Investoren das Nachsehen hatten.»

Am Ende jedoch und de facto – und ungeachtet all dessen, was man sonst so zu hören bekommt – gingen Lay und Skilling deswegen unter, weil Enron untergegangen war. Ihr Verbrechen war, auf der Kommandobrücke gestanden zu haben, als das Schiff anfing vollzulaufen. Im Gegensatz zu Lays Behauptungen während seines Verhörs, waren es nicht die Leerverkäufe, die Enron zu Fall brachten; die Leerverkäufe machten lediglich sichtbar, dass Enron bereits ein Kartenhaus war. Wegen des immensen Ausmasses des Debakels und wegen des früheren kalifornischen Strom-Fiaskos, in dem Politiker fälschlicherweise Händlern und Produzenten die Schuld für etwas in die Schuhe schoben, das die kalifornische Regierung zu verantworten hatte, fand sich Enrons Topriege ohne politischen Rückhalt und wurde so zu einem leichten Ziel.

Im Nachgang zu den Verurteilungen finde ich es lehrreich, sich noch einmal der Substanz der Beschuldigungen zuzuwenden, für die Lay und Skilling verurteilt wurden. Ferner ist es an der Zeit, auch den grösseren Zusammenhang aufzurollen; denn wenn es wirklich finanzielle Verfehlungen im grossen Stil gegeben hat, sind diese vermutlich von anderen begangen worden als von Lay und Skilling und den weiteren leitenden Enronleuten, die ebenfalls ins Gefängnis müssen. In Tat und Wahrheit gehört der Übervater des Fiaskos zu derselben Regierung, die die zwei Männer strafrechtlich verfolgt und nun ins Gefängnis geschickt hat. Doch Alan Greenspan wird niemals vor einem Geschworenengericht für jene finanziellen Machenschaften geradestehen müssen, für die er verantwortlich ist.

Wegen des wirtschaftlichen Abschwungs während eines grossen Teils ihrer Amtszeit war die Bush-Administration massiv unter Beschuss geraten, und so hielt die Regierung nach jemandem in der Geschäftswelt Ausschau, dem sie den Schwarzen Peter für ihre Fehler zuschieben konnte, die sie selbst niemals zuzugeben bereit war (man denke an die Stahlzölle und anderen wirtschaftlichen Unfug) und die in Wahrheit für die Rezession verantwortlich waren. Bush und seine Handlanger suchten im Privatsektor nach Sündenböcken, und Lay und viele seiner Gefährten waren gefundene – und politisch dankbare – Ziele. Es sind nicht Lay und andere seiner Mitangeklagten, die die Rezession herbeigeführt haben – das hat unter anderem Alan Greenspan geschafft. Doch die Regierung war glücklich, auf den Wirtschaftskriminalitätszug aufspringen zu können, und für den regierungsnahen Journalismus…