(4) Man kann gar nicht verrückt genug denken

Ein Interview von Mark Obert mit Friedhelm Jungbluth Friedhelm Jungbluth, 48, ist Notfall-Manager des Frankfurter Flughafens. Im Interview mit Mark Obert spricht er über inszenierte und tatsächliche Worst-Case-Szenarien.

Herr Jungbluth, wie viele Maschinen starten und landen täglich auf dem Frankfurter Flughafen?

An Spitzentagen haben wir 1’500 Landungen und Starts, normal sind 1’300.

An diesen Spitzentagen sieht man die Flugzeuge in enger Staffelung Frankfurt anfliegen. Als Laie denkt man oft: Der worst case ist programmiert!

Das würde ich nicht sagen. Aber weltweite Statistiken bestätigen in der Tat, dass die meisten Unfälle am Flughafen passieren, also bei Starts und Landungen oder beim Manövrieren auf dem Rollfeld.

Entsprechend oft sieht man solche Nachrichtenbilder – wie etwa jene von der Concorde-Katastrophe in Paris. Wie bereitet man sich auf ein Unglück solchen Ausmasses vor?

Indem man Unglücke simuliert, zum Beispiel einen Crash zwischen einem Flugzeug und einem Passagierbus auf dem Rollfeld. Diesen Testfall haben wir im letzten April geübt: Frachtflugzeug kollidiert mit vollbesetztem Passagierbus, Passagierbus kippt um, er brennt, es gibt Verletzte und Tote. Entscheidend war die Frage, ob unsere Rettungsteams zeitgerecht zur Stelle sind, um die Menschen aus den Gefahrenzonen zu bringen und die Erstversorgung zu gewährleisten. Innerhalb von drei Minuten sollte die Feuerwehr den Unfallort gesichert haben. Innerhalb einer Stunde müssen die Verletzten im Krankenhaus sein. Im April hat das prima geklappt.

Klappt es auch manchmal nicht?

Bisher lief es immer gut. Wir können zwar einen Startcrash wie den gewaltigen der Concorde nicht nachstellen, weil wir dann den ganzen Flughafen blockieren würden, aber in Sachen Timing und Abstimmung sind wir auf solche Dimensionen gut vorbereitet.

Wissen die Teams vorher über Inhalt und Zeitpunkt einer Übung Bescheid?

Nicht immer. Manchmal bereiten wir Übungen im geheimen vor, wobei wir natürlich an Grenzen stossen. Wenn wir ein mittelschweres Szenario aufbauen, kriegen das manche mit, und dann spricht sich das halt schnell herum. Dann kommt es eben auf die Details an. Wie schnell reagieren die Teams, wenn sie mit eingesperrten Verletzten und hoher Rauchentwicklung konfrontiert sind oder mit komplizierten Bränden? Vor allem, reagieren sie richtig? Wir arbeiten mit Überraschungsmomenten, um eine möglichst realitätsnahe Simulation hinzubekommen. Hundertprozentig gelingt das nie.

Schon allein, weil Sie Stress, Angst und Panik nicht simulieren können.

Das meine ich nicht. Es ist schwierig, ein Szenario zu entwickeln, das den Teams alles abverlangt, um aus den Fehlern, die dann gemacht werden, Konsequenzen ziehen zu können. Wir machen die Übungen nicht, um die Fehlerquoten des einzelnen zu ermitteln. Wichtig ist, das System zu optimieren, damit sich die Fehlerwahrscheinlichkeit verringert. Die meisten Fehler geschehen systembedingt.

Wenn Sie zur Übung Gebäude evakuieren, zum Beispiel den Terminal 2, benutzen Sie dann die Passagiere und Gäste als Statisten?

Ja – und wir überprüfen tatsächlich alle Stellen des Terminals, ob sich auch garantiert niemand gerade in irgendeiner Ecke aufhält.

Und wenn jemand mit Durchfall auf der Toilette sitzt?

Da ist Sensibilität gefragt. Im Notfall aber gilt: Wir diskutieren nicht, wir handeln.

Vor einigen Monaten löste ein Fluggast ein Notfallszenario aus, weil er zum Scherz gesagt hatte, in seinem Koffer ticke eine Bombe.

Das war eine unfassbare Dummheit. Der hat dann nicht einmal begriffen, dass wir seinetwegen den Terminal geräumt haben und der gesamte Sicherheitsapparat in Gang gesetzt wurde. Erst als das Sicherheitspersonal zugriff, ging dem langsam ein Licht auf. Solch ein Leichtsinn ist extrem fahrlässig.

Der hatte wohl geglaubt, man sehe ihm den Witzbold an der Nasenspitze an?

Vermutlich. Wir waren uns damals auch in der Tat relativ schnell sicher, dass dieser Mann nicht die Wahrheit gesagt hatte, weil seine Handlungen überhaupt nicht dazu passten. Aber man muss auf alles gefasst sein, auch auf einen geistig Verwirrten, auf den kein terroristisches Täterprofil passt.

Es gibt ja auch Trittbrettfahrer, die per Telefon falsche Bombendrohungen durchgeben – wie neulich am Frankfurter Hauptbahnhof, der dann stundenlang gesperrt war. Geschieht das…

(2) Worst Case als Show

Ökokatastrophe, Globalisierungsverlierer, Vergreisung der Gesellschaft: hinter der Beschwörung von Worst-Case-Szenarien können handfeste Interessen stehen. Bewahrung und bestenfalls Anpassung des Bestehenden sind die Folge, auf Kosten von Kreativität und der Suche nach neuen Lösungen.

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