(4) Liberaler Kraftakt

Dem Fortschrittsglauben der liberalen Kräfte in den 1830er Jahren war nichts heilig – alles schien möglich. Aus diesem Geiste wurde 1833 die Universität
Zürich geboren. Die Siege und Niederlagen in den Anfängen der Universität setzen sich bis in die Gegenwart fort.

Die Universität Zürich wurde am 29. April 1833 eröffnet. Sie entstand als liberaler Kraftakt, im Zuge eines umfassenden Erneuerungsprogramms der Regenerationsbewegung, als deren Krönung sie in der Optik ihrer wichtigsten Promotoren – des Erziehungsrats Johann Caspar von Orelli, des Obergerichtspräsidenten Friedrich Ludwig Keller und des Bürgermeisters Conrad Melchior Hirzel – gedacht war. Es waren die Jahre, in denen ein Umbau des gesamten Unterrichts- und Bildungswesens vorangebracht wurde, ein Umbau, der zu einer neuen Volksschule, zur Gründung der Kantonsschule sowie des Lehrerseminars Küsnacht und eben zum Entstehen der Universität führte. Als sichtbarer Ausdruck des im Gefolge der Pariser Julirevolution von 1830 allgemein in Gang gebrachten Neuanfangs wurde auch die Stadtbefestigung niedergerissen, wobei eine erste Phase grosser städtebaulicher Veränderungen durch Repräsentationsbauten, wie die (inzwischen «alte») Kantonsschule, das Kantonsspital oder das Pfrundhaus an der Leonhardstrasse, einsetzte – dies alles im Zeichen eines ausgeprägt liberalen Fortschrittsoptimismus, dem nichts heilig war und alles möglich schien.

Freilich wurde, was sich in der Folge rasch zeigen sollte, die Rechnung irgendwie ohne den Wirt gemacht, indem das «Volk» nicht wirklich mitspielte, dessen Erziehung im liberalen Sinne noch lange nicht so weit gediehen war, dass es sich als Träger und nicht als Opfer einer «von oben» durchgedrückten Modernisierung gesehen hätte. So blieben Reaktionen insbesondere der ländlichen Bevölkerung, auf deren Alltagsprobleme ohnehin kaum Rücksicht genommen wurde, aber auch der konservativen Teile der städtischen Einwohnerschaft, nicht aus. Sie steigerten sich über verschiedene Etappen empor, bis es am 6. September 1839 mit dem «Züriputsch» zur Entladung kam (und der deutschen Sprache das neue Wort «Putsch» zur Verfügung gestellt wurde). Anlässlich dieses Ereignisses blieben nicht nur über ein Dutzend Tote auf dem Münsterhof liegen, sondern es fand vor allem ein einschneidender, wenngleich vorübergehender Machtwechsel statt. Das liberale Regime wurde durch die konservative Herrschaft der «Septembermänner» abgelöst, deren massgebender Kopf der Rechtsprofessor Johann Caspar Bluntschli war, nachdem schon der Anführer des Sturms auf die Stadt, Pfarrer Bernhard Hirzel, als Privatdozent für Orientalistik der Universität angehörte.

Gerade letzterer Umstand verweist darauf, dass die neue Universität in die Putschgeschichte in einer Weise verwickelt war, die ihr nicht sehr lieb sein konnte und die ihre Existenz vorübergehend an den Rand einer ernsthaften Gefährdung brachte. Nicht nur wurde selbst von radikaler Seite ihre Aufhebung verlangt, sondern es brach zudem die Zahl ihrer (noch ausschliesslich männlichen) Studenten massiv ein. Während sie in den ersten sechs Jahren ihres Daseins jeweils gegen 200 und mehr Immatrikulierte zählte, waren es im Wintersemester 1841/42, dem absoluten Tiefpunkt, weniger als 100.

Was war geschehen, dass es ausgerechnet die Universität besonders hart traf? Ohne es zu wollen, war sie zur Auslöserin des politischen Sturms geworden, der das liberale System wegfegte, dem sie ihre Gründung verdankte. Dies hing in einer Zeit noch weitverbreiteter pietistisch geprägter Volksfrömmigkeit nicht zufällig mit der Theologie zusammen, da bei der Neubesetzung der 1838 freigewordenen Professur für Dogmatik und Kirchengeschichte ein intellektueller Störenfried ersten Ranges berufen werden sollte, der ehemalige Tübinger Privatgelehrte David Friedrich Strauss, der einige Jahre zuvor (1835) mit seinem Werk «Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet» an die Öffentlichkeit getreten und schlagartig berühmt geworden war. Freilich waren es weniger universitäre Gremien als die politischen Instanzen – der Erziehungsrat durch Stichentscheid seines Präsidenten, der Regierungsrat mit klarer Mehrheit –, die mit dieser Berufung eine zweite Reformation der mittlerweile etwas verknöcherten Landeskirche erzwingen wollten.

Die Theologische Fakultät scheint gespalten gewesen zu sein. Der Verfasser des ablehnenden Mehrheitsgutachtens, Prof. Alexander Schweizer, der als Vermittlungstheologe galt und gilt, machte immerhin den interessanten Vorschlag, den Hegel-Schüler Strauss nicht auf einen theologischen, sondern auf einen philosophischen Lehrstuhl zu berufen, was nicht nur ein eleganter Ausweg, sondern eine echte Bereicherung für die Zürcher Universität gewesen…

(1) Wille zur Exzellenz

Gespräch mit Hans Weder Will eine Universität sich international behaupten,
muss sie auf Höchstleistungen setzen. Jeder soll studieren können, aber nicht jeder muss automatisch für jedes Masterstudium zugelassen werden. Hans Weder, Rektor der Universität Zürich, wünscht sich mehr Entscheidungsautonomie für die Universitäten – und ein Ende falscher helvetischer Bescheidenheit.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»