(4) Individualismus und kollektive Bedürfnisse

Ob die fortschreitende Ökonomisierung des Lebens
mit Notwendigkeit auf Kosten des Gemeinwohls gehen müsse, bleibt umstritten. Sicher ist, dass auch moderne, arbeitsteilige Dienstleistungsgesellschaften auf sympathiefähige und kooperationsbereite Menschen angewiesen sind.

Der folgende Beitrag ist eine Zusammen-fassung der Ergebnisse der Arbeitsgruppe III «Individualistische Ethik und kollektive Bedürfnisse der Gegen-wart» des Kolloquiums «Sind unsere westli-chen Werte in Gefahr?», unter dem Vorsitz

von Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte, Universität Zürich.

Die Arbeitsgruppe diskutierte das Spannungsfeld zwischen individuellen und kollektiven Bedürfnissen, anhand von Thesen, die beim Individuum eine Tendenz zu zunehmendem Egoismus und abnehmender Rücksichtnahme auf kollektive Bedürfnisse diagnostizierten. Wo bleibt die Orientierung am Gemeinwohl in einer Gesellschaft, in der die individualistische Glückssuche zum zentralen Wert wird? Dass der Mensch in der Frühen Neuzeit endlich «Ich» zu sagen gelernt hat, galt lange Zeit als einer der positiven und fortschrittlichen Aspekte der modernen, westlichen, eben «aufgeklärten» Zivilisation. Doch schon Immanuel Kant hat in seiner Anthropologie auf eine merkwürdige Dynamik hingewiesen, die im Wesen des Menschen selbst verankert zu sein scheint: «Von dem Tage an, da der Mensch anfängt durch Ich zu sprechen, bringt er sein geliebtes Selbst, wo er nur darf, zum Vorschein, und der Egoism schreitet unaufhaltsam fort.»

Inwiefern nun dieser Egoismus tatsächlich voll zu Lasten des Gemeinwohls gehe, war Gegenstand einer ersten Gesprächsrunde, in der auch die These der generellen Gefährdung «westlicher Werte» in Frage gestellt wurde. Was sind diese «westlichen Werte», und gibt es noch genügend Argumente, um sie als «historisches Vermächtnis Europas» an die Weltgesellschaft zu reklamieren? Toleranz, Achtung der Menschenwürde, individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind heute – allerdings in unterschiedlicher Gewichtung – allgemein anerkannte Grundwerte. Sind sie tatsächlich mehr gefährdet als in andern Epochen? Sollte man nicht eher von einem eigentlichen Durchbruch reden, bei dem es allerdings immer wieder zu Rückfällen kommt?

Für viele Diskussionsteilnehmer war die Gegenüberstellung von privaten «individualistischen» und öffentlichen Interessen zu eindimensional. Privateigentum, Vertrag und Haftung sowie das Geld, so wurde argumentiert, diene nicht nur der egoistischen Bedürfnisbefriedigung, sie seien auch die Basis sozialer Vernetzung. Der Durchschnittsmensch strebe nicht nur nach Profit, er wolle auch Anerkennung und Geborgenheit. Ökonomische Wertschöpfung basiere immer auch auf persönlicher Wertschätzung. Am Schutz des Privateigentums und an der Zulassung von Privatautonomie gebe es auch ein eminentes öffentliches Interesse.

Eine weitere These befasste sich mit der Um- und Abwertung der Tugenden. Die klassischen vier Kardinaltugenden, wie sie etwa bei Aristoteles erscheinen – Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Mässigung – hatten die Funktion, das Zusammenleben der Menschen in einem «sittlich» geordneten Gemeinwesen zu stärken und zu garantieren. Schon in der frühen Industriegesellschaft haben sich diese klassischen Kardinaltugenden abgenutzt und sind durch die sogenannten «bürgerlichen» Tugenden – Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Fleiss – ersetzt worden. Geht diese Um- und Abwertung der Tugenden weiter? Ist es heute so, dass derjenige, der sich am besten in der Neid- und Konkurrenzgesellschaft durchsetzen kann, einen «neuen» Wertekanon aufstellt, in dem die privaten Interessen gleichsam als öffentliche Tugenden im Überlebenskampf erscheinen? Was früher noch als Laster galt – Egoismus, Gier, Rücksichtslosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Hedonismus, gnadenlose Durchsetzung privater Interessen –, wird heute sozusagen als heimliche oder «invertierte» Tugend im verschärften Kampf ums ökonomische Überleben in einer globalisierten Gesellschaft angesehen. Sind also unsere heutigen Tugenden das, was früher noch als Laster gegolten hätte?

Schon 1715 postulierte der englische Philosoph Bernard Mandeville in seiner «Bienenfa-bel»: «In grossen Staaten hats / Für Tugend keinen Platz». Es seien die privaten Laster, die letztlich die Welt und den Handel am Florieren hielten. Das «sittliche» Gemeinwesen sei eine Erfindung der Ideologen, seine Durchsetzung führe in the long run immer zu Fanatismus, Unfreiheit und ökonomischem Untergang. Dies liege im Wesen des Menschen selbst, der eben auch nur ein nach Bedürfnisbefriedigung strebendes höheres Tier sei, und «Alle in Freiheit lebenden Tiere streben ausschliesslich nach Befriedigung ihrer Begierden und folgen ganz naturgemäss ihren Neigungen, ohne sich…

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