(4) Gute Anreize

Soll die Wirtschaft durch staatliche Interventionen oder durch das Prinzip des Wettbewerbs geleitet werden? Das ist nur vordergründig eine ideologische Frage. Überlegungen eines früheren Sozialdemokraten.

Die Welt mag unendlich sein, aus dem Blickwinkel eines Individuums ist sie endlich. Dies allein schon deshalb, weil die Lebensdauer begrenzt ist. Ein Individuum lebt demnach in einer Situation, die durch vielfältige Knappheiten charakterisiert ist. Wir haben nicht unendlich viel Zeit, alle sich bietenden Optionen zu realisieren. Die Knappheitsbedingungen zwingen uns dazu, aus einem möglicherweise unendlichen Angebot die jeweils besten Optionen auszuwählen. Ein Leben ohne Auswahl, ohne Selektion ist nicht möglich.

Wenn immer eine Person sich einem Angebot gegenübersieht, aus dem sie eine Auswahl treffen muss, muss sie das Angebotene bewerten und in eine Rangfolge bringen, um die beste Option zu bestimmen. Die Wahl der Individuen wird von den Anbietern als Signal interpretiert, das ausgewertet wird, um das Angebot so anzupassen, dass es bei einem nächsten Auswahlverfahren besser abschneidet. Auf diese Weise führt Knappheit über die Auswahl zwangsläufig zu Wettbewerb. Die Frage, ob wir Wettbewerb wollen oder nicht, ist also verfehlt. In einer Welt mit Knappheit gibt es immer Wettbewerb. Umso wichtiger wird deshalb die Frage, welchen Wettbewerb wir wollen.

Eine naheliegende Antwort ist: Der Wettbewerb soll so sein, dass der Wohlstand der Gesellschaft am meisten gefördert wird. Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen Wettbewerb und Wohlstand, und was verstehen wir überhaupt unter gesellschaftlichem Wohlstand?

Der Wohlstand einer Gesellschaft besteht nicht darin, ein fixes Ziel zu erreichen, sondern darin, die Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft zu erfüllen. Gesellschaftlicher Wohlstand braucht individuelles Handeln. Eine Person A erzeugt etwas oder bietet etwas an, was den Bedürfnissen einer Person B entspricht, von dieser nachgefragt und in der Folge konsumiert wird. Der Weg zwischen Produktion und Verbrauch kann in einer modernen Gesellschaft recht lang sein. Immer aber gilt: das produzierte Gut oder die angebotene Dienstleistung findet die gesellschaftliche Erfüllung ausschliesslich im individuellen Konsum. Findet ein produziertes Gut keinen Abnehmer, so ist es nutzlos.

Der gesellschaftliche Wohlstand steigt um so mehr, je besser die von den verschiedenen Anbietern hergestellten Produkte und Dienstleistungen den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und je grösser der Anteil des Angebots ist, der tatsächlich genutzt wird. Wenn wir gesellschaftlichen Wohlstand an der Befriedigung der individuellen Bedürfnisse festmachen, so muss sich der Wettbewerb an den individuellen Bedürfnissen orientieren, um wohlstandsfördernd zu sein. Dies gelingt am besten, wenn es die Individuen sind, die auswählen und auf diese Weise ihren Bedürfnissen Ausdruck verleihen können. Eine staatliche Institution, mag sie noch so wohlmeinend sein, hat nie so klare Kenntnisse über die Bedürfnisse der Individuen wie die Individuen selber.

Damit die Individuen tatsächlich auswählen können, müssen sie über entsprechende Mittel verfügen. Es nützt einem Individuum nichts, wenn es zwar ein Bedürfnis hat sowie eine Vorstellung, wie dasselbe befriedigt werden könnte, ihm dabei aber die Mittel fehlen, um das Bedürfnis als Nachfrage an einem Markt geltend zu machen.

Die weitere Voraussetzung dafür, dass eine Wahl stattfinden kann, ist das Vorhandensein einer Auswahl. Es muss ein Angebot existieren, und die angebotenen Produkte müssen sich in irgendwelchen Merkmalen voneinander unterscheiden. Der heikle Punkt ist nun, ob sich die Anbieter wirklich auf die Bedürfnisse der Konsumenten ausrichten. Welche Anreize hat ein Anbieter, dies zu tun?

Wird das Angebot von einem Monopolisten bestritten, so fehlt ein solcher Anreiz gänzlich. Ein Monopolist kann unabhängig von den Konsumentenbedürfnissen seinen Ertrag optimieren. Erst in einer Konkurrenzsituation müssen die Anbieter ein Angebot schaffen, das sich von jenem der Mitbewerber unterscheidet. Dies bedingt Innovation auf Seiten des Anbieters. Aber eine solche Innovation ist nur dann wohlstandsfördernd, wenn sie den Bedürfnissen der Konsumenten gerecht wird. Wenn ein Anbieter andere Anreize hat, wenn er alternative Ertragsmöglichkeiten sieht, kann er die Konsumentenbedürfnisse ungestraft ignorieren.

Ein falscher Anreiz kann beispielsweise dann entstehen, wenn der Staat als Subventionsgeber aktiv wird. Damit verändert sich das Anreizsystem der Anbieter. Statt sich um Märkte und damit Konsumentenbedürfnisse zu kümmern, kann ein Anbieter seinen Erfindergeist dahingehend einsetzen, ein Angebot zu entwickeln, das am meisten Subventionen einfährt. Auf diese Weise wird die Innovationsfähigkeit dieses Anbieters vom Subventionsmechanismus absorbiert und nicht dafür genutzt, Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Wettbewerb und Wohlstand lässt sich somit wie folgt beantworten: Der Wohlstand einer Gesellschaft ist umso grösser, je mehr Bedürfnisse die Gesellschaftsmitglieder sich erfüllen können. Dies gelingt am besten, wenn die Konkurrenz den Bedürfnissen der Menschen gilt – wenn mithin ein «Rennen» um die Aufmerksamkeit und den Zuspruch der Individuen stattfindet. Die Menschen müssen auswählen können, und das Resultat dieser vielen Auswahlverfahren muss als Signal zu den Anbietern gelangen, um dort Innovationen auszulösen. Ein Wettbewerb in dieser Form ist Voraussetzung für gesellschaftlichen Wohlstand und Ausdruck davon, dass die Gesellschaft die Bedürfnisse der Individuen in den Mittelpunkt stellt.

Wenn wir den politischen und wirtschaftlichen Bereich in modernen Gesellschaften anschauen, so können wir feststellen, dass in beiden Bereichen Wettbewerbsmechanismen feststellbar sind. Es lassen sich allerdings auch alternative Szenarien aufzeigen.

In der sozialistischen Gesellschaft beispielsweise wurde der Wettbewerb in beiden Bereichen konsequent eliminiert. Der politische Bereich wurde durch die kommunistische Einheitspartei bestimmt, die für die Bürger der Gesellschaft keine politischen Wahlmöglichkeiten vorsah. Der wirtschaftliche Bereich wurde durch die sozialis­tische Planwirtschaft abgedeckt, Privateigentum war verboten, und somit waren auch keine Märkte möglich. Im sozialistischen Menschenbild brauchten die Individuen keine Wahl, sie hatten sich der von einer Elite geführten Gesellschaft unterzuordnen.

Eine andere Haltung bekennt sich zu Wettbewerb im politischen Bereich, agiert in wirtschaftlichen Belangen aber wettbewerbsfeindlich. Diese gespaltene Haltung gegenüber dem Wettbewerb kann als sozialdemokratisch bezeichnet werden. Sozialdemokratisches Handeln im wirtschaftlichen Bereich besteht allerdings nicht darin, Eigentum oder Märkte per Gesetz zu verbieten. Eine sozialdemokratisch geprägte Wirtschaftspolitik kennt andere Mittel, um den Wettbewerb zu hemmen.

Nehmen wir die sozialdemokratische Begeisterung für hohe Steuern. Mit Freude wird dargelegt, welche Gestaltungsmöglichkeiten der Staat erhält, wenn er über volle Kassen verfügt. Welcher Möglichkeiten die Individuen durch diesen Mitteltransfer beraubt werden, wird verschwiegen. Wie oben ausgeführt, muss ein Individuum über freies Einkommen verfügen, damit es ein Bedürfnis an einem Markt als Nachfrage anmelden kann. Je mehr aber vom gesamten Arbeitseinkommen aufgrund von Steuern sowie Abgaben an die Sozialversicherung wegfallen, desto geringer wird der für den freien Konsum verfügbare Anteil. Und je kleiner dieser Konsumlohn ist, desto weniger Wettbewerb wird dadurch induziert.

Der marktwirtschaftliche Wettbewerb ist ein Auswahlverfahren, das durch unzählige Entscheidungen unabhängiger Individuen bewirkt wird. Jedes Auswahlverfahren ist letztlich ein Gestaltungsprozess. Langfristig wird diejenige Gesellschaft am meisten Wohlstand schaffen können, der es gelingt, die Mitglieder der Gesellschaft am wirksamsten mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen in diesen Gestaltungsprozess einzubinden. Im politischen Bereich ist die Demokratie die geeignete Methode, dies zu erreichen. Im wirtschaftlichen Bereich kann dies am besten durch den marktwirtschaftlichen Wettbewerb erzielt werden.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»