(4) Die eigene Geschichte erzählen

Wir war es damals wirklich? Einen Zugang bilden
die Zeugnisse ehemaliger Verdingkinder. Bericht über die allmähliche Verfertigung der Erinnerung beim Erzählen.

Erinnerung formt sich im Gespräch. Das zeigen die über 250 Interviews, die wir im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Verdingkinder, Schwabengänger, Spazzacamini und andere Formen der Fremdplazierung und Kinderarbeit in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert» durchführten. Methodisch folgten wir einem offenen, leitfadengestützten Gespräch. Im ersten Teil erzählten die Befragten von ihrem Leben. Manche gaben das, was sie schon häufiger berichtet hatten, in fast eingeübter Weise wieder; andere fühlten sich befreit, endlich sprechen zu können, und die Worte sprudelten aus ihnen heraus; wieder andere suchten nach einem Faden, nach den richtigen Ausdrücken, nach der Erinnerung. In diesem Teil war Nachfragen in der Regel nicht förderlich; hingegen erbrachte im zweiten Teil des Interviews, nach Abschluss der Erzählung, gezieltes Nachfragen eine Präzisierung der Aussagen.

Die Interviews dokumentieren, wie Menschen in Selbstzeugnissen ihrem Leben einen Sinn geben. Subjektive Deutungen entsprechen dabei nicht unbedingt den sozialen Wirklichkeiten. Sie vermitteln die Sicht ehemaliger Verdingkinder, die ihre Wahrheit erzählen. Diese Deutungen sind ebenso Wirklichkeit wie die sozialen Umstände, in denen die Verdingkinder lebten. Das Selbstverständnis der Verdingkinder veränderte sich im Laufe der Zeit nicht zuletzt durch Erfahrungen. Die Befragten vermittelten, wie sie das Erlebte in eine verständliche Ordnung brachten, ihr Schicksal erklärten und die Welt verstanden. Wenn wir diesem subjektiven Sinn auf die Spur kommen, öffnen sich Welten.

Der Quellenwert von Erinnerungen ist umstritten. Erinnerungen können trügen. Wollen wir Geschichten aus dem Blickwinkel Betroffener rekonstruieren, sind Erinnerungen jedoch erst einmal als «richtig» wahrzunehmen und dann – wie jede Quelle – kritisch zu prüfen. Dabei ist zu berücksichtigen: die Erinnerung an ein Geschehen verändert sich, wenn wir daran denken; Gefühle, die durch die Gesprächssituation entstehen, prägen die Darstellung; Assoziationen, die während des Gesprächs aufblitzen, lassen die Wiedergabe der Erinnerung manchmal wie eine Montage erscheinen; Medien, öffentliche Diskussionen, Normen und Werte beeinflussen das Denken – wie soziale Milieus, in denen die Befragten sich (und wir selbst uns) bewegen.

Bei den durchgeführten Interviews stellten wir fest, dass – jenseits individueller Besonderheiten – immer wieder ähnliche Themen auftauchten. Beispielsweise die fehlende Zuwendung durch Bezugspersonen; die häufige emotionale Beziehung zu Tieren; Gefühle der Diskriminierung und Zurücksetzung, die teilweise abgelöst werden durch ein Gefühl des Stolzes, es im Leben doch noch zu etwas gebracht zu haben; die hohe Bedeutung von Strafen und Gewalt, ebenso von sexuellem Missbrauch; Armut; der Stellenwert der Religion; die problematische Rolle von Vormündern und Behörden; ähnliche Überlebensstrategien.

Wenn wir das gesellschaftliche Umfeld berücksichtigen, das die Erinnerungsvorgänge beeinflusst, können wir besser ermessen, was einzelne Menschen erlebten und was sie in ihren Lebenswelten, Netzwerken, Handlungsräumen, Strategien und Deutungsmustern prägte. Beim Interview ist die Ebene der Erzählung (in der Gegenwart) von der Ebene des tatsächlich Erlebten und der Ebene der Sinngebung zu trennen. Zudem sind Schlüsselerlebnisse und biographische Wendepunkte herauszufiltern, von denen aus sich Erinnerungen interpretieren lassen.

Ein Schlüsselerlebnis wird etwa erhellt im Interview mit der 1938 geborenen Clara Bärnwart. Nach einem zehnjährigen Aufenthalt im Kinderheim wurde sie im Alter von vierzehn Jahren dem Vater zurückgegeben, der sich nach dem Tod von Clara Bärnwarts Mutter neu verheiratet hatte. Der Vater missbrauchte seine Tochter zwei Jahre lang sexuell, bis sie sich schliesslich zur Wehr setzte. Als der Vater die Vorwürfe abstritt, wurde er seiner Tochter vor dem Staatsanwalt gegenübergestellt. Dabei kam es zu einem einschneidenden Wendepunkt, als der Staatsanwalt für kurze Zeit aufstand und aus dem Fenster blickte: «Ich schaue zum Vater in diesem Moment und er zu mir, und dann sehe ich seine Augen und die Hände, mit denen er schnell ‹Bittibätti› macht [C. B. faltet die Hände], und ich hatte das Gefühl, dieser Mensch leidet wie ‹lätz› [wahnsinnig]. Und dann war es bei mir natürlich vorbei.» Clara Bärnwart nahm alles zurück, denn: «…das andere war für mich viel stärker, das Gefühl, er leide. Das, weil ich wusste, was das heisst, wenn man leidet, gell.» Seit diesem Zeitpunkt ist ihr bewusst, dass ihr Leben unter dem «Leitmotiv» des Leidens steht, und sie interpretiert es vollständig danach; selbst Gefühle der Liebe sind für sie stets mit Leid verbunden. Aus dem Leiden entsteht zunächst ein Gefühl der Ohnmacht und Wehrlosigkeit, dann aber auch eine Überlebensstrategie, die ihr wieder Kraft gibt.*

Eine Methode, Erzählungen genau zu betrachten, besteht darin, das Interview in einzelne Einheiten aufzuteilen, ohne seinen Zusammenhang aus dem Auge zu verlieren. Strenggenommen folgen die Einheiten dem Textprotokoll. Sie werden zunächst für sich betrachtet, damit man offen bleibt für verschiedene Deutungsmöglichkeiten des Gesagten und nicht voreilig aus einem Gesamteindruck des Gesprächs interpretiert.

Insgesamt ist darauf zu achten, welche Bedeutung die jeweilige Gesprächseinheit für den Lebenslauf oder für die Selbstdarstellung hat. Nützlich ist dabei eine Untersuchung der sprachlichen Formulierungen. Entspricht beispielsweise der Wortschatz dem Alter und dem Milieu, in dem sich die befragte Person zum Zeitpunkt der Erzählung befand, oder verwendet sie Begriffe und Sprachstrukturen, die einer späteren Zeit entnommen sind und eher der eigenen Erklärung des Sachverhaltes dienen?

So antwortet Werner Bieri, geboren 1942, auf die Eingangsfrage, welche Umstände dazu geführt hätten, dass er als Verdingkind aufgewachsen sei, unter anderem, seine Eltern hätten sich scheiden lassen. «Mein Vater wurde natürlich dazu verdonnert, Alimente zu bezahlen, oder? Er hat natürlich nie bezahlt, das ist klar, und wie gesagt, Kriegsjahre…» Der Begriff «Alimente» und der Hinweis auf die «Kriegsjahre» deuten darauf hin, dass Werner Bieri hier nicht berichtet, was er unmittelbar erlebt hat, sondern dass er spätere Erklärungen heranzieht, warum es der Familie materiell so schlecht ging, um sich die Gründe verständlich zu machen. An anderen Stellen erzählt er hingegen mit dem Wortschatz eines Kindes, sehr direkt und sehr emotional.** Die Einteilung der Aussagen auf die einzelnen Ebenen kann ausserdem dadurch erleichtert werden, dass wir Anhaltspunkte wie Körperreaktionen, Tonfall – der zum Beispiel Ironie, Wut, Abwertung, Enttäuschung zum Ausdruck bringen kann –,

Pausen, Stockungen oder immer wiederkehrende Redewendungen beachten. Dies bedingt allerdings eine Videoaufzeichnung des Interviews oder eine sehr genaue Transkription.

Die Analyse einzelner thematischer Blöcke in den Interviews versucht, Schritt für Schritt die eigene Interpretation im Prozess dieser Folgen zu prüfen und die Sinngebung der interviewten Person, ihre Wahrnehmungen und Sichtweisen nachzuzeichnen. Hinzu kommt das Bemühen, sich Vorgängen anzunähern, über die es dem Gesprächspartner schwerfällt sich mitzuteilen. Wenn wir zudem die äusseren Einflüsse einbeziehen, müssen wir auch beachten, ob die Befragten von Medienberichten, Publikationen und öffentlichen Diskussionen zum Thema gewusst haben. Etwas schwieriger wird die Interpretation, wenn es um die Verarbeitung konkreter Erlebnisse geht. Selbst wenn wir annehmen können, dass die befragte Person dicht am Geschehen berichtet, kann die Erinnerung trügen. Deshalb müssen wir weitere Quellen einbeziehen, beispielsweise Erzählungen anderer Fremdplazierter, oder Behördenakten.

Da die persönlichen Aussagen in einem Interview die Interviewenden emotional meist stark berühren, ist das Nachdenken über unser eigenes Selbstverständnis notwendig. Auch Interpretationen suchen nach Sinn. Und jede Transkription ist bereits eine Interpretation. Damit diese den interviewten Personen und ihren Erzählungen gerecht wird, müssen das eigene Vorverständnis, die eigenen Assoziationen, «Bilder» und Erinnerungen sowie die verwendeten Theorien und Methoden bewusstgemacht und geprüft werden. Nur indem wir uns auf diesen Prozess einlassen, gelangen wir zu einem möglichst umfassenden Verständnis der Menschen, die wir interviewen.

* Aus: Flavia Grossmann, Martina Koch: «Erzählte Lebensgeschichten in der soziologischen Biographieforschung und der Oral History». Unveröffentlichte Seminararbeit, Universität Basel 2007.

** Aus: Sabina Mauron: «Interviewforschung. Der Erinnerungs-prozess und die Narrationsanalyse am Beispiel der Selbstdarstellung eines ehemaligen Verdingkindes». Unveröffentlichte Seminararbeit, Universität Basel 2007.

(0) Auftakt

In den Pflegefamilien wurden sie meist nicht mit Namen genannt; sie hiessen schlicht Verdingmädchen oder Verdingbub. Noch vor 50 Jahren gehörten die Verdingkinder – ein Wort, das nur das Schweizerdeutsche kennt – zum ländlichen Alltag und arbeiteten für Kost und Logis bei fremden Bauern. Heutzutage rufen die nackten Zahlen meist ungläubiges Kopfschütteln hervor, und die […]

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