350 000 fremde Asse

Nationen, die an ihre Zukunft glauben, kämpfen weltweit um die besten Köpfe. Die Schweiz mischt wacker mit. Sie ist gut aufgestellt – trotz Schrumpfvergreisung. Was braucht es, damit die Alpenrepublik auch im Jahr 2023 noch die Arbeitsasse anzieht?

350 000 fremde Asse
Gunnar Heinsohn, photographiert von Philipp Baer.

Die ehrgeizige kleine Schweiz, ebenso bodenständig wie vorausschauend, braucht kluge Köpfe. Ihre Bewohner wissen: Nur mit neuen Assen bleibt die Wirtschaft innovationsfähig, die breite Bevölkerung wohlhabend und die Lebensqualität hoch. Und den helvetischen Bürgern ist bewusst: Der weltweite Kampf um die besten Talente ist in vollem Gange. Wie die Schweiz es anstellt, die Köpfe zu bekommen, die sie braucht, und von wem sie dabei lernen kann, werde ich im folgenden zeigen.

Die Schweiz heute

Von den 30 000 Schweizern, die jedes Jahr in die grosse weite Welt ziehen, mal abgesehen: Wer würde nicht gerne in der Alpenrepublik leben? Welches Land belegt weltweit mehr vordere Positionen als die Schweiz? Platz 14 unter 179 Nationen – allerdings nach der Nummer 1 im Jahre 2010 – gewinnt sie bei der Pressefreiheit (Reporter without Borders 2013). Auf dem Human Development Index wird sie 2011 die elfte von 187 Nationen. Beim Prokopfeinkommen (nach Kaufkraft) geht es unter 185 Nationen auf Platz 8 (IMF 2011). Die Weltbank (2011) attestiert sogar Rang 7. Bei der Demokratieumsetzung wird – unter 167 Nationen – ebenfalls Platz 7 erreicht (Economist Intelligence Unit 2012). Noch eine Stufe höher auf Rang 6 geht es – gegen 154 andere Nationen – beim Glücklichsein (Gallup Happiness Poll im Durchschnitt der Jahre 2006–2011). Auch bei der Widerständigkeit gegen Korruption wird – unter 174 Nationen – Rang 6 erklommen (Transparency International 2012).

Geht es um ökonomische Freiheit – um den Eigentumsschutz also –, ist die Schweiz global die Nummer 5 und in Europa die Nummer 1 (The Heritage Foun­dation, 2013). Ihre Metropole Zürich erreicht 2012 bei der Erfassung der Lebensqualität nach Wien weltweit Platz 2 (Mercer Quality of Living Survey). Wird – vom World Economic Forum (2012/13) – unter 133 Nationen die Konkurrenzfähigkeit gemessen, steht die Schweiz auch global auf Platz eins. Noch eine Spitzenmedaille gibt es im Global Innovation Index 2012 (World Intellectual Property Organization/WIPO). Weiteres Gold – und noch längst nicht das letzte – holt man sich unter 80 erfassten Konkurrenten als das Land, in das man am liebsten hineingeboren wird (The Economist: The World in 2013). Kann dann noch überraschen, dass – beurteilt man Nationen wie Firmen – die Schweiz gegen 24 Konkurrenten als lukrativstes Markenzeichen der Welt gilt (Forbes Annual Country Brand Index, 2012)?

Das ist heute. Doch was wird morgen sein? Es gibt auch ganz andere Rankings – nicht unbekannt, aber viel seltener an die grosse Glocke gehängt, da ziemlich ernüchternd.

Von 100 Nachwuchskräften, die man in der Schweiz gegen weitere Vergreisung oder gar Schrumpfvergreisung jährlich gewinnen muss, werden 35 gar nicht erst geboren. Das Land liegt mit 1,5 Geburten pro Frauenleben unter 224 Staaten und Territorien schwer abgeschlagen auf dem 186. Platz (CIA-Fact 2012). Da 2,1 Kinder für den blossen Erhalt einer immer älter werdenden Bevölkerung erforderlich sind, müssten jedes Jahr rund 115 000 statt 80 000 Neugeborene begrüsst werden. Die Aussichten dafür stehen nicht gut, weil die gebäroptimalen Jahre von 15 bis 35 dieselben sind, in denen man wegen Aufbau der Karriere keine Zeit für Nachwuchs verlieren darf. Um mithin das gebrechliche Durchschnittsalter von 42 Jahren nicht immer weiter hochzutreiben, muss die Schweiz innerhalb der nächsten 10 Jahre rund 350 000 Neubürger aus dem Rest der Welt gewinnen. Sonst kann sie beim Durchschnittsalter bald nicht einmal mehr ihren blutleeren Rang 206 (von 226) verteidigen (CIA-Fact 2012).

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Gunnar Heinsohn, photographiert von Philipp Baer.
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