33 Jahre Anti-Institution

Eine Privatschule für Kunst in Zürich Die Zürcher F+F Schule für Kunst und Mediendesign wird nicht vom Staat
getragen. Die stete Knappheit der Ressourcen zeitigt durchaus auch
positive Folgen – und man ist stets frei geblieben, neue Wege zu gehen.

Die Gründung und Entwicklung der Zürcher F+F Schule für Kunst und Mediendesign sind mit den 1968er-Protesten und den verschiedenen «Zürcher Bewegungen» verbunden. Die damaligen Ereignisse haben sich zu einer legendenhaft ausgeschmückten Erzählung verflochten, die bis vor wenigen Jahren die Identität dieser sich lange als Anti-Institution verstehenden Schule prägte.

Zu den Zeitdokumenten gehören käm-pferische Texte und Fotos von Sit-ins eines offensichtlich entschlossenen Fähnleins von Studierenden, das gemeinsam mit gestalterisch libertinären Dozierenden schulpolitischen Widerstand leistete – zunächst gegen eine verstockte Schulleitung und später gegen die städtische Bürokratie. Intellektuell sekundiert wurde die Abspaltung von Leuten wie dem Schriftsteller Peter Bichsel, dem Künstler Bendicht Fivian, dem Duchamp-Kenner Serge Stauffer, seiner Frau Doris Stauffer, dem langjährigen Zürcher Kunstchronisten Fritz Billeter sowie dem Künstler und F+F-Dozenten Hansjörg Mattmüller. Dramatische Folge des schulischen Disputs war die Schliessung der Klasse «Form und Farbe» an der Kunstgewerbeschule Zürich. Kurz darauf folgte die Neugründung als von einem Verein getragene, unabhängige Institution. Heute zählt die F+F mit ihren Ausbildungsangeboten in den Bereichen Kunst, Photographie, Visuelle Gestaltung, Film und Gestalterischer Vorkurs etwa 200 Studierende und ist als Höhere Fachschule vom Bund teilanerkannt.

In der Schweiz, die sich lange mit der professionellen Ausbildung des Berufsstandes «Künstler» schwer tat, ist die F+F zwar nicht das erste und einzige Modell, sie ist jedoch ein wegbereitendes Experiment, das viele Reformvorhaben an Schweizer Gestaltungsschulen geprägt hat, die sich gegenwärtig zu Fachhochschulen wandeln. Bildhauerei und Malerei waren an den staatlichen Schulen die beiden klassischen Kunstdisziplinen, sofern in den 1960er-Jahren überhaupt Fächer der «freien Kunst» angeboten wurden. Dabei dominierte im Sinne des «Kunstgewerbes» die handwerkliche Orientierung.

Unkonventionell an der F+F war zunächst der Verzicht auf eine gewerbliche Berufsausbildung im engeren Sinn. Stattdessen wurde der Begriff des «Experimentellen» in den Mittelpunkt gerückt. So entfiel der unmittelbare gewerbliche und einkommensorientierte Produktionsdruck. Gleichzeitig wurden als Folge der Kunsttheorien der 1960er- und 1970er-Jahre niederschwellige Zulassungsbedingungen praktiziert. Die Schule stand damit grundsätzlich allen Interessierten offen, die eine gewisse Berufs- oder Lebenserfahrung mitbrachten. Die auf den ersten Blick vielleicht ziellos erscheinende und scheinbar lehrplanlose Ausbildungsumgebung mit einer sehr heterogenen Schülerschaft erwies sich in der Folge als schlagkräftiges und zeitgemässes Künstlerausbildungsmodell.

Qualität trotz Mittelknappheit

Von Anfang an stellte die F+F dabei die medien- und spartenübergreifende Recherche und Kunsteinübung in den Mittelpunkt: Happening, Performance, Sprach- und Ton-arbeit, sowie Video und Computer wurden als gleichberechtigte Gattungen und Werkzeuge mit ganz eigenen Ausdrucksmöglichkeiten neben die traditionellen Disziplinen gesetzt. Kennzeichnend war an der F+F die nicht primär produktorientierte, sondern eine performative, teils auf kollektive kreative Prozesse ausgerichtete Arbeitsweise. Dabei wurden bewusst nicht einer einzelnen Gattung zugeordnete Klassenverbände, wie etwa eine Malklasse, gebildet. Den Studierenden standen vielmehr alle Seminare in den verschiedenen Medien jederzeit offen.

Ein flexibles Dozentensystem, das bis heute auf ein- bis dreiwöchigen Intensivseminarien beruht, scheint eine pädagogische und inhaltliche Dogmatisierung bis heute weitgehend verhindert zu haben. Hinzu kommen Theorievorlesungen – in Ästhetik, Film- und Kunstgeschichte bis hin zu Themenkomplexen des künstlerischen Selbstmanagements und zeitgenössischen Kunstbetriebs. Ebenso finden regelmässig Vorträge wegweisender Kunstschaffender, Philosophen und Kuratoren statt; Referenten von Marina Abramovic über Jean Baudrillard bis zu Rein Wolfs beehrten als Gastvortragende die F+F.

Obschon ihr Angebot staatlich teilanerkannt ist, ist die F+F bis heute eine Privatschule geblieben, die trotz ihrer ideellen Ausrichtung in der harten Realität des Marktes zu überleben hat. Darin liegt ein zumindest kleiner Widerspruch, denn es ist überflüssig zu sagen, dass die F+F nie primär ein finanziell elitäres Zielpublikum im Auge hatte. So bedeutet der Aufwand von durchschnittlich 14’000 Franken pro Jahr, die ein Studierender für seine Vollzeitausbildung an der F+F gegenwärtig aufzubringen hat, für den einzelnen oft viel Geld. Unter dem Aspekt der Betriebsfinanzierung erscheint das Budget dagegen äusserst knapp bemessen: Vergleichbare staatliche Angebote im Gestaltungsbereich kosten pro Student und Jahr bis zu drei Mal mehr. Low Budget Management – ohne dabei (wie dies manchmal in unfairer Weise gegen die F+F ins Feld geführt wurde) qualitativ ein «Dumpingangebot» zu bieten, gilt denn auch an der F+F als Maxime. Möglich ist das natürlich nur dank guter Netzwerke und viel gutem Willen in der Fachwelt, verbunden mit einem gewissen Anteil an Ehrenarbeit von dozierenden Koryphäen und F+F-Vorständen. Kennzeichnend für den Betriebsalltag sind ein knapp dotierter Verwaltungsapparat und teilzeitangestellte Abteilungsleiter, die hauptberuflich als Kunstschaffende und Gestalter tätig sind. Ebenso ein Gerätepark, der zwar nicht veraltet, dafür aber notorisch überbucht ist. Die permanente Mittelknappheit, die durch einen regelmässigen stadtzürcherischen Beitrag und sporadische Sponsoringbeiträge nur ein wenig gelindert wird, zwingen die F+F zur Kosteneffizienz einer kleinen Firma und zu dynamischer Flexibilität in allen Angelegenheiten. Dabei muss sie den selbst formulierten Leistungsauftrag in möglichst konstanter Qualität erfüllen. Auf Schülerseite mag die Kostenhürde bzw. die Begrenztheit der staatlichen Stipendienbeiträge nicht selten zu einem schnelleren Diplomabschluss führen – die durchschnittliche Ausbildung dauert sechs bis acht Semester.

Das vom inhaltlichen Grundprinzip her als offene Akademie ausgeformte Konzept der F+F erweist sich auch heute als tragfähig und zieht seit nunmehr über drei Jahrzehnten ein illustres Studierendenpublikum an, das seinen ganz eigenen Nutzen aus der F+F-Ausbildung zu ziehen vermag. Die berufliche Vermittlungsfähigkeit von F+F-Schulabgängern ist zuweilen nur schwer messbar. Berufskarrieren, die nicht gradlinig sind, und gewundene Entwicklungen der Abgänger sind nicht selten. Doch auch ohne die Aufzählung erfolgreicher Alumni überrascht es immer wieder, in welchen Tätigkeitsfeldern – und dies keineswegs nur im engeren Bereich der Bildenden Kunst und Gestaltung – Absolventen der F+F auftauchen. Angesichts des zunehmend durchstrukturierten und den Eintritt in die Kunstwelt durch die Matura regulierenden Fachhochschulsystems, ist die F+F auch heute, jenseits der Sozialutopien der 1960er-Jahre, vom Bewusstsein getragen, eine unerlässliche Alternative darzustellen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»