30 Nationen, zum Klangkörper verschmolzen

Ein Interview mit Martin Engström Das Musikfestival von Verbier, das in diesem Sommer vom 18. Juli bis zum 3. August zum
zehnten Mal im 1500 Meter hoch gelegenen Walliser Val de Bagnes zwischen dem Montblanc und
St. Bernhard Pass stattfindet, erfreut sich seit seiner Gründung Jahr für Jahr ungebrochener Beliebtheit.
Felizitas von Schönborn sprach mit Martin Engström, Gründer und Direktor des Festivals.

Herr Engström, viele Musikfestivals sind verschwunden, andere ringen ums Überleben. Das Festival von Verbier hingegen feiert in diesem Sommer sein zehnjähriges Jubiläum mit hochkarätigen Künstlern. Wie lautet das Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte?

Es ist wohl die besondere Magie des Festivals, die Musik und Natur miteinander verschmelzen lässt. Dieser Zauber lockt seit zehn Jahren internationale Musikstars an, vor einem begeisterten, ständig wachsenden Publikum, trotz geringer Gagen zu spielen. Einer der Gründe, warum Künstler gerne zurück kommen, liegt darin, dass sie sich in diesem Ambiente wohlfühlen. Sie können während dreier Wochen gemeinsam mit ihren Familien Ferien machen. Auch finden sie hier Zeit, sich mit anderen Künstlern auszutauschen; und junge Musiker können in einer Sommerakademie von den grossen Meistern ihres Fachs lernen. Der Ruf des Festivals von Verbier basiert auf dieser kontinuierlichen Qualität und hängt nicht nur von einigen grossen Namen ab, wie bei vielen anderen Festivals.

Kann man sagen, dass hier ein ähnlicher Esprit herrscht, wie bei den Salzburger Festspielen der Dreissiger Jahre?

Verbier ist wie Salzburg ein Treffpunkt für die gesamte Musikwelt. Hier treffen nicht nur Künstler, sondern auch Opern- und Orchesterdirektoren oder Agenten aufeinander; kurz, alle, die mit dem Musikgeschäft zu tun haben. Es ist wie auf einem Marktplatz: Der eine zieht den anderen an. Ähnlich war es wohl auch in den Dreissiger Jahren in Salzburg, als sich Künstler um Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig sammelten, um Zeit miteinander zu verbringen. Doch ist man in Salzburg heute durch den grossen kommerziellen Druck weniger experimentierfreudig. Verbier hingegen ist auch ein Festival der Risiken: Viele Künstler spielen Stücke zum ersten Mal mit Kollegen, die sie kaum kennen. Sie treten in einer Kirche oder in einem Zelt auf, da können unvorhergesehen Dinge geschehen, zum Beispiel kann es plötzlich anfangen zu regnen.

Bei einem Konzert mit Martha Argerich hat sich sogar ein Hund auf die Bühne geschlichen, um, als der letzte Ton verklungen war, wieder zu verschwinden. Welche Art von Konzertbesuchern ist bereit, sich auf solche Abenteuer einzulassen?

Vierundachtzig Prozent der Besucher kommen Jahr für Jahr wieder. Die meisten gehören unserem Freundeskreis an. Unser erstes Konzert wurde von Zubin Meta dirigiert. Wenige Tage vor Konzertbeginn hatten wir etwa 300 Karten verkauft. Zubin Meta in Verbier, das war damals noch unvorstellbar! Aber der Freundeskreis, vorwiegend aus Chalet- und Wohnungsbesitzern bestehend, hatte auf uns gesetzt und in uns investiert. Es kommen aber auch viele junge Leute. Da es Teil unseres Konzepts ist, die Jugend anzuziehen, bekommen Jugendliche aus der Umgebung Freikarten.

Haben Sie sich bei Ihrem Konzept auch vom Musikfestival in Aspen/Colorado inspirieren lassen?

Aspen war von Anfang an mein Vorbild. Das Konzept von Akademie, Konzerten und Jugendorchester stammt aus Aspen. Allerdings dauert Aspen länger und ist viel grösser. Eine ganze Generation von amerikanischen Musikern wie James Levine, Itzhak Perlman oder Lynn Harrell haben in Aspen ihre ersten Schritte gemacht. Für sie ist das Festival in Verbier gewissermassen ein Nachhausekommen. Sie wissen: In einer inspirierenden Umgebung fliessen Synergien und in nur wenigen Sommerwochen kann Wesentliches entstehen.

Seit einigen Jahren gibt es in Verbier auch ein Jugendorchester. Wie ist es Ihnen gelungen, Geldgeber für dieses anspruchsvolle Unterfangen zu finden?

Ich hatte das Glück, einen visionären Partner – den Bankier Georges Gagnebin – gefunden zu haben. Zunächst bat er mich, für die UBS ein Jugendorchester zusammen zu stellen. Später wurde dann das «UBS Verbier Festival Youth Orchestra» daraus. Nun spielt das Orchester im Sommer in Verbier und geht im Herbst auf Welttournee. Es hat bereits in vielen grossen Weltstädten gespielt.

Werden junge Musiker heute genügend auf ihr Spiel in einem Orchester vorbereitet?

Meist werden Künstler an Musikhochschulen nur für Solistenkarrieren ausgebildet. Nach einiger Zeit merken viele, dass sie «nur» als Orchestermusiker engagiert werden und sind enttäuscht. Wir zeigen ihnen von Anfang an, wie spannend es sein kann, in einem Orchester mit hohem Niveau unter einem hervorragenden Dirigenten zu spielen. Dass unser Jugendorchester zu den besten der Welt zählt, haben wir erstklassigen Dirigenten wie James Levine, Yuri Temirkanov, Wolfgang Sawallisch, Kent Nagano oder Kurt Masur zu verdanken.

Wie sieht die Zukunft dieser vielversprechenden jungen Künstler aus?

Ich weiss nicht, warum sich Musiker eines Jugendorchester meist nach einem ähnlichen Schema weiterentwickeln. Wenn man sie als junge Künstler lächelnd und freudestrahlend spielen sieht, kling ihr Spiel wunderbar. Doch in der Routine eines normalen Orchesteralltags verliert sich allmählich dieser Elan und diese Freude am Spiel. Oft rate ich den Musikern, ein kleines Foto aus ihrer Zeit in Verbier am Notenständer zu befestigen, damit sie weiterhin an ihre ursprünglichen Motivationen erinnert werden.

Eine solche Karriere ist immer auch ein Balanceakt zwischen Agenturen und Plattenfirmen, die unter enormen Zeitdruck stehen und ständig auf der Suche nach Neuem sind. Ein Musiker hingegen sollte sich Zeit lassen, damit sein Talent sich voll entwickeln kann..

In dem Jugendorchester treten junge Musiker aus über dreissig Nationen auf. Da drängt sich die Frage auf, ob Menschen aus völlig verschiedenen Kulturen, Musik auch in ähnlicher Weise aufnehmen?

Ich war an einem Experiment für die «Deutsche Grammophongesellschaft» beteiligt, bei dem wir herauszufinden sollten, welche Bedingungen bestehen müssen, damit Musiker aus über dreissig Nationen zu einem Klangkörper zusammen wachsen. Man konnte genau feststellen, wie wenig das Gespür für Musik von der Hautfarbe abhängt. Soziale Unterschiede hingegen sind problematischer. Da hat der eine etwa auf der Julliard School in New York studiert, gibt sich selbstbewusst, ist chic gekleidet und spielt auf einem guten Instrument. Ein anderer junger Künstler dagegen kommt aus Kasachstan, trägt einfache Kleider und hat ein weniger kostbares Instrument. Da stellt sich die Frage, wie sich ein materiell weniger begünstigte junge Musiker gegenüber seinen privilegierteren Kollegen behaupten kann. Wir haben die Musiker jedoch überzeugen können, dass es in einem Orchester immer um das Ganze und nicht nur um das Individuelle geht. Jeder muss lernen, seinen persönlichen Hintergrund zu überschreiten, anderen zuzuhören lernen und sich auf das Gesamtspiel einzustimmen.

Welche Rolle spielt dabei ein Dirigent?

Der Dirigent muss das Orchester zusammenhalten. Er muss wachsam und aufmerksam genug sein, um falsche Töne einzelner Instrumente genau zu registrieren. James Levine, der Leiter des Jugendorchesters von Verbier, ist darin ein Meister. Obwohl sein Dirigieren manchmal fast statutenhaft wirkt, merkt er alles, was im Orchester passiert. Damit fordert er den einzelnen Musiker heraus, sein Bestes zu geben. Anfangs mussten wir einige Musiker nach Hause schicken, weil sie die Herausforderungen nicht verkraften konnten und die Harmonie des Orchesters gestört hätten.

Gibt es im «UBS Verbier Festival Youth Orchestra» Nationalitäten, die überwiegen?

Das kann man heute kaum mehr so sagen. Es gibt viele Kandidaten, die aus Russland stammen und in New York leben. Die besten Hochschulen sind nach wie vor in den USA. Auch die begabtesten Studenten gehen, wenn möglich, nach Amerika. Daher haben auch viele unserer Musiker dort studiert. Wir versuchen, weltweit die Besten auszusuchen. Bisweilen wählen wir auch besondere Persönlichkeit aus, die das Orchester lebendiger zu machen versprechen. Es ist schon wunderbar, vor allem in den Schweizer Bergen, die Begeisterung der vielen jungen Leute aus aller Welt zu erleben. Das scheint mit eine Globalisierung im wahrsten Sinn des Wortes zu sein.

Der Schwede Martin Engström ist Senior Executive Producer bei der Deutschen Grammophongesellschaft und Gründer und Generaldirektor des Verbierfestivals & Academy, das in diesem Jahr vom 18. Juli bis zum 3. August durchgeführt wird. Am 22. Juli, dem Geburtstag von Engström, findet ein Jubiläumskonzert mit Stars wie Martha Argerich, Evgeny Kissin, Lang Lang, James Levine und Mikhail Pletnev statt. Weitere Künstler, die während des Festivas zu hören sind, sind Yuri Bashmet, Lynn Harrell, Barbara Hendricks, Magdalena Kozena, Marthe Keller, James Levine, Mischa Maisky, René Pape, Esa-Pekka Salonen, Jean-Yves Thibaudet, Thomas Quasthoff und Pinchas Zukerman.

Die Publizistin Felizitas von Schönborn ist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten an der Uno in Genf akkreditiert. Unter anderem ist sie Autorin von «Margarete Mitscherlich. Zwischen Psychoanalyse und Frauenbewegung», S. Fischer 1997; «Peter Ustinov. Ich glaube an den Ernst des Lachens», Fischer TB 2000; «Dalai Lama – Mitgefühl und Weisheit», Edition Q 2002 und «Annemarie Schimmel. Spiegelungen des Islam», Edition Q 2002.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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