(3) Die grosse Zumutung

Freiheit ist nicht gegeben, sondern aufgegeben. Eine kritische Würdigung von Nutzen und Vorteil des negativen Freiheitsbegriffs für das moderne Leben.

Liberale betrachten sich als aufgeklärte, neugierige und optimistische Menschen. Ihr Vertrauen in die Zukunft ist gross, weil sie auf wissenschaftliche Innovationen setzen; den Wissenschaften wiederum bringen sie Kredit entgegen, weil sie an die Kreativität des Menschen glauben, der Wissenschaft betreibt. Für jedes Problem, das der Mensch hervorbringt, findet er früher oder später auch eine Lösung. Leben ist Problemlösen.

Das Menschenvertrauen und das Wissenschaftsvertrauen geraten jedoch in dem Moment in Konflikt, da die Wissenschaft beginnt, die menschliche Freiheit zu leugnen. Genau dies geschieht zur Zeit in den Neurowissenschaften und in der Genetik. Mit Experimenten wollen einige ihrer Vertreter nachgewiesen haben, dass nicht wir entscheiden, sondern unsere Neuronen; dass nicht wir unser Leben bestimmen, sondern unsere Gene. Mit der Überlegenheit derer, die sich vom menschlich-allzumenschlichen Narzissmus nicht blenden lassen, erklären die Wissenschafter die Freiheit zur grossen Illusion des modernen Menschen – und die Liberalen schweigen.

Es könnte Feigheit sein oder Gleichgültigkeit, die sie schweigen lässt. Im besten Falle liesse sich ihr Schweigen als Ausdruck jener Gelassenheit deuten, die der deutsche Philosoph Immanuel Kant zu einer kohärenten intellektuellen Haltung ausarbeitete. Kant, der um die periodisch wiederkehrenden Anfeindungen von Reduktionisten und Deterministen wusste, versuchte die Idee der Freiheit – nebst der Idee von Seele und Gott – ein für allemal zu retten. Nicht indem er deren Existenz bewies, sondern indem er zeigte, dass sich die Existenz weder beweisen noch widerlegen lässt.

Die Freiheit ist für Kant kein Faktum, sondern ein Postulat. Friedrich Schiller formulierte die Kantische Einsicht in einer Xenie parodistisch, aber treffend: «Auf theoretischem Feld ist weiter nichts mehr zu finden, / aber der praktische Satz gilt doch: Du kannst, denn du sollst.» Was sich wie eine Paradoxie anhört, ist der Kern des modernen Freiheitsbegriffs: nicht «Du sollst, denn du kannst», was einem überichhaften Freiheitsbefehl gleichkäme, sondern «Du kannst, denn du sollst», also die Aufforderung, sich als frei in seinem Denken, Wollen und Handeln zu verstehen. Weil wir nicht beweisen können, ob wir frei sind oder nicht, bleibt uns nichts, als so tun, als ob wir es wären. Indem wir uns als frei verstehen, bewähren uns als freie Wesen.

Wie nun wird Freiheit im klassischen Liberalismus definiert? Durch Negation – als «Abwesenheit äusserer Hindernisse» (Thomas Hobbes) und als «Abwesenheit des Zwangs durch andere Menschen» (Friedrich August von Hayek). Die negative Freiheitskonzeption («Freiheit von etwas») hat gegenüber der positiven («Freiheit zu etwas») den unbestrittenen Vorteil, dass sie klar und deutlich ist. Die positive Konzeption hat hingegen die Tendenz, sich ungehemmt auszudehnen. Sie kann so weit gehen, die kompletten geistigen Bedingungen eines Menschen und die materiellen Bedingungen einer Gesellschaft zu umfassen – Freiheit ist nur da gegeben, wo das «Reich der Notwendigkeit» durch gesamtgesellschaftliche Anstrengungen überwunden und in ein kollektives «Reich der Freiheit» (Karl Marx) übergeführt wird. In diesem Falle würde die negative Freiheit durch die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen nicht nur tangiert, sondern gleichsam ad absurdum geführt. Freiheit wäre nicht mehr der Freiraum, der dem Individuum erlaubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sondern die Unterordnung des Individuums unter die demokratisch bestimmten Zwecke einer Gesellschaft – eine zweifellos schreckliche Vorstellung.

Um den Menschen vor solchen kollektivistischen Anmassungen zu schützen, haben die Denker des Liberalismus zu Recht die Nichteinmischung in die Privatsphäre hochgehalten und verteidigt. Zugleich haben sie jedoch versäumt, die Schwachstellen dieser Konzeption angemessen zu reflektieren. Ein erstes Problem liegt darin, dass die Freiheit – wie bereits erwähnt – bloss postuliert werden kann. Überlässt man den Menschen sich selbst, vermag er nicht immer zu wählen, was er will. Vielmehr tut sich oft eine Kluft auf zwischen dem, was er wählt, und dem, was er wirklich will. Wollen will gelernt sein. Der Mensch ist nicht frei,…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»