(3) Das sowjetische Moment

Bis heute gibt es Stimmen, die das Scheitern des Aufstands von 1956 mit dem Ausbleiben westlicher Hilfe erklären. Der folgende Beitrag zeigt dagegen auf, dass es echten Spielraum und damit realistische Alternativen nur in Moskau gab.

Gescheiterte Revolutionen werfen stets die Frage auf, ob nicht alles anders hätte ablaufen können. War die Niederlage unausweichlich, oder hätte unter günstigeren Umständen eine Chance auf Erfolg bestanden? Wie in anderen Fällen historischer Traumata, sind die Ungarn mit der fehlgeschlagenen 1956er Revolution bis heute nicht fertiggeworden. Bis vor kurzem glaubte die öffentliche Meinung im Grundsatz, eine Gelegenheit sei damals vertan worden, und zwar weil die erhoffte Hilfe aus dem Westen ausblieb. Entsprechend drehten sich spätere Überlegungen immer darum, was vor allem die Vereinigten Staaten hätten tun können und tun müssen, um die Ungarn zu unterstützen. Angesichts der in jener Periode massiven amerikanischen Propaganda für die Befreiung «versklavter Nationen», durfte die damalige ungarische öffentliche Meinung wohl mit einer gewissen Berechtigung – zumindest aus moralischer Sicht – von konkreter westlicher Hilfestellung irgendwelcher Art ausgehen. Eine heute, mit mehr Abstand unternommene Analyse dagegen ist nicht mehr frei, jene übergeordnete internationale Lage auszublenden, die letztlich entscheidend war. Den USA fehlten damals die politischen Druckmittel, um die Sowjetunion zum Verzicht auf Ungarn zu zwingen, und eine wie auch immer geartete westliche militärische Intervention hätte nach aller Wahrscheinlichkeit zu einer direkten Konfrontation der Supermächte und zu einem dritten Weltkrieg geführt.

Daraus folgt, dass die Ereignisse in Ungarn in Wirklichkeit nicht vom Westen abhingen, sondern von der sowjetischen Reaktion auf die politische Krise, die am 23. Oktober 1956 ausgebrochen war. Dass Tito in einer Rede vom 11. November die erste sowjetische Intervention vom 24. Oktober als Fehler bezeichnete, ist allgemein bekannt. Um so mehr erstaunt, wie wenig Aufmerksamkeit bei der Beurteilung damaliger Wahrscheinlichkeiten oftmals die Tatsache erhalten hat, dass den Sowjets (und nur den Sowjets) am 23. Oktober eine wirkliche Wahl offenstand, dass sie also in jenem Augenblick auch anders hätten entscheiden können.

So wäre es den Sowjets durchaus möglich gewesen, im Falle Ungarns das polnische Drehbuch zu reaktivieren. Und in der Tat, in der Sitzung des Präsidiums der KPdSU vom 23. Oktober formulierte Mikojan – nicht nur mit den ungarischen Verhältnissen wohlvertraut, sondern auch der einzige diesbezüglich sachkundige Sowjetführer – mit aller Klarheit die Alternative: «Ohne Nagy ist die Bewegung nicht unter Kontrolle zu bringen, und darüber hinaus ist es für uns auch kostengünstiger. […] Was haben wir zu verlieren? Die Ungarn werden die Ordnung aus eigenem Antrieb wiederherstellen. [Wenn unsere Truppen eingreifen, ruinieren wir die ganze Sache zu unserem eigenen Schaden.] Wir sollten erst zur Politik, erst dann zur Truppe greifen.» Nach der Lage der Dinge verkörperte Mikojans Vorschlag die einzige rationale Alternative, doch stand er im Präsidium damit allein.

Seit 1953 war die sowjetische Führung in den wichtigsten internationalen Fragen pragmatisch vorgegangen; im Falle der polnischen Krise war sie durchaus zum Verzicht auf eine militärische Intervention fähig gewesen, obschon die Reflexe des Kalten Krieges, aber auch ältere, ideologische und emotionale Reflexe nach einer solchen geradezu riefen. Im Falle Ungarns erwies sie sich zu ähnlich kaltblütigem Zusehen ausserstande. Chruschtschow und seine Genossen entschieden sich für die – auch aus Sicht ihrer eigenen Interessen – politisch schlechtestmögliche Lösung und setzten genau jenen Prozess (den einzigen antisowjetischen Befreiungskampf in der Geschichte des Kalten Krieges) und jene misslichen Konsequenzen in Gang, die sie mit ihrem militärischen Schnellschuss zu vermeiden gehofft hatten.

Wir werden nie wissen, welchen Weg die Ereignisse in Ungarn genommen hätten, wäre die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung der ungarischen Regierung und ihren Streitkräften überlassen geblieben. Vieles spricht dafür, dass in diesem Fall die reelle Chance einer Konsolidierung bestanden hätte, der Verwirklichung einer beschränkten, aber rasch eingeführten politischen Reform wie in Polen, von den Sowjets toleriert als akzeptable Lösung, die ihre grundlegenden strategischen Interessen gewahrt hätte. Man würde dann heute nicht vom ungarischen Volksaufstand…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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