(3) Bald wird es Armut nur noch in Museen geben

Es begann mit Kleinstkrediten für die ärmsten Bewohner Bangladeschs. Inzwischen gibt es Mikrokreditinstitute rund um die Welt. Und den Sozialunternehmer als neuen Unternehmertyp. Wie Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus die Armut aus der Welt in die Museen verbannen will.

Ich bin kein Banker; denn ich wurde für diesen Beruf nicht ausgebildet. Doch die Umstände haben mich dazu gedrängt, Dinge zu tun, die in das Bankgeschäft gehören. Immer wieder werde ich gefragt, ob es nicht von grossem Nachteil gewesen sei, dass ich nicht die entsprechende Ausbildung hatte. Meine Antwort war jedesmal: Nein, es war sogar von grossem Vorteil. Denn ich musste mir keine Gedanken über die üblichen Verfahren und Regeln machen. Ich war daher ein freier Mensch, der genau das tun konnte, was notwendig war.

In der Zeit, in der ich in das Bankgeschäft rutschte, lehrte ich an der Universität Chittagong in Bangladesch Wirtschaftswissenschaften. Damals, in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, lieh ich 42 Menschen aus dem Dorf gleich neben dem Campus Geld. Nicht etwa weil ich ein Kreditgeber werden wollte; vielmehr wollte ich den Menschen helfen, die zuvor Geld bei Kredithaien geborgt hatten. Im Dorf, wie damals in ganz Bangladesch, herrschte eine grosse Hungersnot; eine halbe Million Leute starben an Unterernährung. Ich war sehr aufgebracht, weil ich all die eleganten Theorien der Ökonomie beherrschte, die man an der Universität so lehrt, mir diese dabei aber nicht die Möglichkeit gaben, Menschen zu helfen, die verhungerten.

Ich sagte mir: Ich bin noch immer der Mensch, der ich vor meiner Ausbildung war. Als dieser Mensch muss ich in das Dorf gehen, die akademischen Bücher kann ich im Regal stehenlassen. Mein Ehrgeiz war, an jedem Tag mindestens einer Person zu helfen. Ich versuchte dies auf viele Arten. Doch mich beschäftigten besonders die Kredithaie, von deren Geschäft ist bis dahin keine Ahnung gehabt hatte.

Daher legte ich eine Liste an von den Leuten aus dem Dorf, die von diesen privaten Kreditgebern Geld geborgt hatten. Als meine Liste vollständig war, standen auf ihr 42 Namen. Der Gesamtbetrag, den diese Menschen geliehen hatten, betrug nur knapp 27 Dollar. Ich konnte das nicht glauben. Ich bin von der amerikanischen Universität mit dem Doktortitel zurückgekommen, doch hatte mir dort niemand erzählt, dass es Menschen gibt, die wegen weniger als einem Dollar leiden müssen. Das war buchstäblich Sklaverei. Ich war schockiert.

Doch dann wurde mir klar, dass ich dieses Problem lösen konnte. Wenn ich den 42 Leuten die 27 Dollar gebe, dann können sie den Kredithaien das Geld zurückgeben und sind frei. Ich war begeistert von meiner Idee und tat genau das, was ich mir vorgenommen hatte. Einen Plan, was danach kommen würde, hatte ich zu jenem Zeitpunkt nicht. Die Menschen waren sehr glücklich über das, was ich machte. Sie behandelten mich, als ob ich ein Wunder vollbracht hätte. Und ich sagte mir: Wenn du so viele Leute mit so wenig glücklich machen kannst, warum machst du das nicht öfter?

So kam mir eine weitere gute Idee. Wäre es nicht das beste, zu der Bank zu gehen, die sich auf dem Campus der Universität befindet, um ihr vorzuschlagen, den Dorfbewohnern Geld zu leihen, damit diese nicht länger zu den Kredithaien gehen müssen? Doch als ich dies dann versuchte, winkten die Bankmanager ab. Nein, sagten sie, unsere Bank kann den Armen nichts leihen. Ich war bestürzt und antwortete, der Betrag sei so klein, er könne der Bank doch sicher nicht fehlen. Die Manager blieben bei ihrem Nein.

Es wurde ein zäher Kampf. Je mehr die Bank darauf beharrte, dass sie das nicht tun könne, desto mehr insistierte ich, dass sie dies tun müsse. Ich sagte den Managern alle Gehässigkeiten, die man gegen das Bankensystem nur sagen kann. Ich sagte ihnen, dass es die Logik befiehlt, gerade den Menschen Geld zu geben, die keines haben und nicht denen, die schon eine Menge besitzen. Nein, das ist nicht…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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