(2) Was eigentlich ist Urbanität?

Je globaler die Welt, desto wichtiger die Städte.
Die Metropolen des 21. Jahrhundert sind die zeitgenössischen Kultorte, die unsere Lebenswelt neu verzaubern. Wir brauchen deshalb mehr Kommerz – und mehr Monumentalität.

«Der Mensch ist das Mass aller Dinge». «Der Mensch steht im Mittelpunkt». Das sind wunderschöne, alte Sätze, die jeder gerne hört. Aber wer glaubt noch daran? Früher war die gesellschaftliche Ordnung tatsächlich auf den Menschen bezogen und mit konkreten Orten verknüpft. Heute sehen wir uns als Bürger einer Weltgesellschaft in Systeme verstrickt. Wer regiert uns, Berlin oder Brüssel? Wo sind die Grenzen Europas? Warum bricht in Europa und Asien die Wirtschaft ein, wenn in Amerika eine Immobilienblase platzt?

Die Globalisierung vollzieht sich in unser aller Erfahrung als Entortung. Globalisierung ist medientechnisch betrachtet ein Prozess des linking, also der Verknüpfung von Kommunikationsknoten. Und dabei wird – rein technisch betrachtet! – der geographische Raum zweitrangig. Global Village, das elektronische Weltdorf, war der Name, den der erste Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan schon vor fünfzig Jahren dafür gefunden hat. Im Blick auf die Medien leuchtet er noch heute unmittelbar ein.

Doch auch die Weltwirtschaft ist raumlos global geworden. Zu Recht spricht man deshalb von Global Players, wenn man die zentralen Knoten dieses Netzwerks bezeichnen will. Es ist die Welt des frei flottierenden Geldes, die sich kaum noch von der Welt der frei flottierenden Information unterscheiden lässt. In virtuellen Gemeinschaften gehen die bisher strenggetrennten Welten von Politik, Konsum, Unterhaltung und sozialem Leben ineinander über. Und auch die Partisanen, die dieser globalisierten Welt den Garaus machen möchten, sind ihrem Fleckchen Erde nicht mehr treu. In den Terroristennetzwerken wird der Schrecken raumlos.

Es sieht also zunächst einmal so aus, als ob in unserer Gesellschaft konkrete Orte für das Funktionieren überhaupt keine Rolle mehr spielten. Was heute zählt, ist nicht körperliche Präsenz, sondern Erreichbarkeit. Was gilt, ist die Funktion und nicht die Substanz. Doch gerade deshalb lautet meine These: Die neue Kultur der Virtualisierung ist zugleich eine Kultur der Kultorte. Die Medienrevolution verlangt einen menschlichen Ausgleich – den gestalteten urbanen Raum. In unserer Kultur zeigt sich ein Unbehagen am Funktionalismus. Man sucht wieder Substanz, Symbol, Sinn und Identität. Wer eine Stätte sucht, lässt sich nicht mit einer Stelle abfinden. Und die Frage nach dem geschichtlichen Sein und dem konkreten Raum lässt sich offenbar nicht mehr mit dem Hinweis auf die Funktion erledigen.

Nur die alten Medien können die Wunden heilen, die uns die neuen Medien geschlagen haben. Und das älteste Medium ist die Architektur. Die neuen virtuellen Lebensräume fordern als menschlichen Ausgleich architektonische Kultorte: den grossen Platz, die Fussball-Arena, den Freizeitpark, die Abschirmung kleiner Paradiese.

Der Begriff «Abschirmung» ist ganz wörtlich zu nehmen. Das Zeitalter der virtuellen Gemeinschaften im Internet ist nämlich auch das Zeitalter der Hochsicherheitszonen im sozialen Raum. Hier geht es um das Bedürfnis nach Hegung im ganz handfesten Sinn – durch Zaun, Stacheldraht und Sicherheitsbeamte. Nach innen arbeitet diese Abschirmung mit den menschenfreundlichen Qualitäten eines emotionalen Designs, für das die Trendforscherin Faith Popcorn den anschaulichen Begriff cocooning gefunden hat. Das Paradies wird konkret als Garten angelegt – oder doch zumindest als floristisches Kunstwerk in die Wohnung hineinkopiert. Dem entspricht auch der sogenannte Nesting-Trend, also die Konjunktur der Kochshows im Fernsehen und das wiedererwachte Interesse fürs Stricken oder Pflanzen. Es geht hier um Beruhigung und Entschleunigung.

Architektur ist, wie der Berliner Architekt und Stadtplaner Andreas Feldtkeller betont hat, Einfriedung und Abschirmung. Das erfordert von Städteplanern und Architekten eine höchst komplexe Leistung. Denn modern ist die Abschirmung nur als Einheit von Schliessung und Öffnung möglich. Nur der ist zeitgemäss abgeschirmt, für den das Aussen zugänglich bleibt. Die architektonische Aufgabe besteht also darin, Sicherheit und Zugänglichkeit zugleich zu gewährleisten.

Für die Zumutungen der Internetgesellschaft brauchen Menschen einen Ausgleich – wertvolle Orte der Identität. Mit anderen Worten: wir brauchen Kultorte gerade deshalb, weil es rein technisch gesehen…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»