(2) Konflikte in der Epoche

Man hat sie oder hat sie nicht: Ressourcen. Längst ist ein globaler Kampf um sie entbrannt. Wenn Europa ihn erfolgreich bestehen will, muss es sich von altem nationalstaalichen Denken verabschieden.

«Globalisierung hat kein Mitleid» – Eberhard von Kuenheim, der Mann, der BMW wieder ins Reich der Lebenden brachte, hat die Politik beizeiten öffentlich gewarnt, aber im Ganzen wohl vergeblich. Die drei C treiben einen Wandel voran, den niemand mehr beherrscht: computer, container, knowledge capital. In Zusammenwirkung und wechselseitiger Steigerung werden sie für das 21. Jahrhundert sein, was Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrizität für das 19. Jahrhundert waren, was Ottomotor und Diesel, der Jet und die Atombombe für das 20.: Maschinen des Umbruchs. Der Kampf um Ressourcen – «Wettstreit», «Wettlauf», «Konkurrenz» sind die politisch korrekten, aber verharmlosenden Bezeichnungen – gehört zu den konfliktträchtigen Begleiterscheinungen; einerseits bleibt kein Winkel der Erde unexploriert im Stande der geopolitischen Unschuld, denn überall kreuzen sich die Einflusslinien der grossen Interessenten; anderseits erhöhen steigende Preise für Rohstoffe die Prämien auf Substitution – wobei leider Schlüsselressourcen wie Trinkwasser für unaufhaltsam wachsende Bevölkerungen in Megastädten Asiens und Lateinamerikas kaum auf praktische Weise und zu erträglichen Kosten zu ersetzen sind.

Globalisierung lässt kaum einen Winkel der Erde aus, am wenigsten die hochentwickelten industriellen Demokratien, deren innere Balance, sozialer Frieden und gute Nachbarschaft darauf beruhen, dass Rechts- und Friedensräume gleichbleibenden und wachsenden Wohlstand umhegen. Was passiert, wenn der Wohlstands-pegel sinkt und die Fische nicht mehr fröhlich schwimmen, sondern den schlammigen Boden berühren, möchte man sich nicht vorstellen. Seit den Vorbeben der Französischen Revolution, den 1848er Zeiten, der Grossen Depression von 1929 bis in den Zweiten Weltkrieg hält die neuere Geschichte interessante Szenarien bereit für die Antwort, keines besonders attraktiv – mit Ausnahme gerade noch des New Deal in Amerika.

Das Ende der Geschichte, 1989 aus Amerika so prahlerisch wie ahnungslos verheissen (Francis Fukuyama in «The National Interest»), wird noch eine Weile auf sich warten lassen. Es ist wichtig zu bemerken, wie in den Zwischenwahlen des Herbstes 2006 in den USA die Demokraten den Rückzug aus ihrer eigenen Freihandelstradition antraten. Die Zeit Bill Clintons war das Goldene Zeitalter der Globalisierung gewesen. Amerika gewann, und alle anderen gewannen auch: globales win-win-game. Diese Zeiten sind vorbei. Dass Clinton heute seine Partei noch davon überzeugen könnte, Amerika offen zu halten für den Handel der Welt, speziell für die sweat-shops und Hightechprodukte Chinas, ist sehr zu bezweifeln. Ökonomischer Populismus ist im Aufstieg, in den Industriestädten ebenso wie in den Prärien, während die Einkommen der Mittelschicht stagnieren oder sinken. Illegale Einwanderung wird beklagt, unfaire Handelspraktiken der Chinesen, Währungsmanipulation, oder gar Globalisierung schlechthin. Die Wahlen werden, auch in Amerika, in der Mitte entschieden.

Die Mitte aber hat Angst, berechtigte Angst. Im alten Europa sind die Gewerkschaften auf dem Weg in den Protektionismus, im Verein mit den Sozialpolitikern aller Farben. Insgesamt jedoch ist es vorerst noch eine bloss theoretische Debatte, mit der man sich diesem noch unausgesprochenen P-Wort nähert. Die Gewerkschaften, die jeden Andersdenkenden als ausländerfeindlich brandmarken, halten doch die «Entsenderichtlinie», die den Arbeitsmarkt schützt, für eine grosse sozialpolitische Errungenschaft – nur nicht gerade für Ausländer. Gabor Steingart, Bürochef des «Spiegels» in Berlin, hat mit seinem Buch «Weltkrieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden» ein Signal gesetzt. Das eiserne Zeitalter der Globalisierung hat begonnen, und wer dessen Gehalt an ökonomischen, politischen und militärischen Konflikten unterschätzt, tut es auf eigene Gefahr.

Globalisierung ist nicht nur Slogan, sondern welthistorische Realität, eine Art Tsunami von nirgendwo und überall. Globalisierung hat es in Wellen immer wieder gegeben, spätestens seit dem Zeitalter der Entdeckungen, Columbus nach Westen, Vasco da Gama um die Südspitze Afrikas nach Osten. Der kleine Unterschied bestand fast fünf Jahrhunderte lang darin, dass die Europäer die Regeln setzen konnten, notfalls mit Kanonenbooten, jedenfalls mit überlegener Technik, Wirtschafts- und Kapitalorganisation, Verwaltungsfähigkeit. Es waren die Europäer, die für die…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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