(2) Kleines Geld mit grosser Wirkung

Die Bilanz konventioneller Entwicklungshilfe ist ernüchternd. Dennoch haben alternative Modelle der Armutsbekämpfung erst in jüngerer Vergangenheit Mittel und Beachtung auf sich gezogen. Mikrofinan-zierung ist kein Allerheilmittel. Aber sie hat Potential.

Die Grundidee ist denkbar einfach: ärmeren Teilen der Bevölkerung wird der Zugang zu finanziellen Dienstleistungen eröffnet, mit deren Hilfe sie sich selbst weiterhelfen können. Dem klassischen Beispiel folgend, sollen Kunden in die Lage versetzt werden, Kredite aufzunehmen und in Familienbetriebe zu investieren, um diese aus dem Kreislauf der Subsistenzwirtschaft zu führen. Im günstigen Fall resultiert daraus nicht nur eine Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Die Grundidee besticht. Hier wäre also – endlich – eine Form der Hilfestellung, die weder lokale Eliten korrumpiert noch staatliche Bürokratien aufbläht oder Rentenökonomien am Leben hält. Sie setzt nicht oben, sondern unten an; sie bremst und lähmt nicht produktive Kräfte, sondern gibt ihnen Raum zur Entfaltung. Mehr noch, diese Hilfe finanziert sich weitgehend selbst – zumal dort, wo die Rückzahlung ordnungsgemäss erfolgt und die Zinsen den Aufwand der Anbieter decken. Wahrlich eine gute Sache!

Neu ist sie nicht. Spielarten von Mikrofinanzierung gibt es seit Hunderten von Jahren, frühe Formen finden sich in Asien, Afrika und Südamerika ebenso wie in Europa. Was der deutsche Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Bürgermeister einer ländlichen Gemeinde begann, kommt heutigen Verhältnissen in weniger entwickelten Ländern zumindest nahe. Konfrontiert mit Bauern, die im Gefolge schlechter Ernten auf das Geld von Wucherern angewiesen waren, rief er den «Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte» ins Leben. Dort sollten Bauern Geld ansparen, sich aber auch Geld zum Ankauf von Vieh und Gerät günstig leihen können.

120 Jahre nach Raiffeisens erster Darlehnskasse ging, ebenfalls aus Sozialexperimenten, ein ähnliches Modell hervor, die Grameen («Dörfliche») Bank von Muhammad Yunus. Nur 42 bengalische Familien waren am Anfang beteiligt; das Experiment funktionierte auf der Basis von Krediten, die an kleine Gruppen solidarisch haftender Frauen vergeben wurden, die vorher keine Eigenmittel besassen. Der Nachweis, dass Armut nicht mit mangelnder Kreditwürdigkeit gleichgesetzt werden muss, war auch hier erbracht. «All people are entrepreneurs», proklamierte Yunus damals – und es begann, Ehrendoktorate und Preise zu regnen.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Mikrofinanzierung zu einem erdumspannenden Geschäft entwickelt, das heute schätzungsweise 25 Milliarden Dollar umsetzt und Tausende registrierter Anbieter kennt. Längst sind auch kommerzielle Anbieter, sind Grossbanken und private Investoren zu Anhängern der guten Sache geworden. Eine grosse Möglichkeit scheint damit greifbar nahe: dass nämlich die private Wirtschaft «im Norden» auf diesem Weg direkt zum Motor der Armutsbekämpfung «im Süden» werden könnte.

Eben dieses Moment der Kommerzialisierung sorgt für anhaltenden Unmut und Streit. Auf der einen Seite stehen nüchterne Pragmatiker wie die Mexikaner Carlos Danel und Carlos Labarthe, deren Agentur Compartamos (ins Deutsche übertragen: «Lasst uns teilen») innert weniger Jahre von einer gemeinnützigen Organisation zu einer börsenkotierten und gutverdienenden Geschäftsbank mutierte. Nur die konsequente Kommerzialisierung, wird hier versichert, könne den Zugang zu Kapital und Knowhow auch längerfristig sichern und das Konzept des Mikrokredits auf tragfähige Grundlagen stellen.

Tatsache ist, dass heute weniger als zehn Prozent der Mikrofinanzierer kostendeckend arbeiten, dass die meisten Anbieter sich mehr oder weniger weitgehend über Spenden und öffentliche Gelder finanzieren. Dies gilt auch für Yunus’ Grameen, womit die Bank über Fremdkapital verfügen kann, ohne Marktpreise entrichten oder Vorgaben zur Rechnungslegung beachten zu müssen; die Verwendung der Gelder bleibt frei von effektiver Kontrolle.

Tatsache ist auch, dass Mikrokredite vergleichsweise aufwendig, will heissen teuer sind. Weil nur kleine und kleinste Summen auf kurze Fristen vergeben werden, weil überdies ein weitverzweigtes Vertriebsnetz zu unterhalten ist, liegt der reale, auf das Jahr hochgerechnete Zinssatz üblicherweise bei 30 bis 40 Prozent. Das tönt nach «viel», reicht aber selbst auf diesem Niveau kaum zur Deckung der Eigenkosten. Ein der Weltbank angegliederter Thinktank geht davon aus, dass bei der mexikanischen Compartamos effektive Jahreszinssätze von…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»