(2) Europäische Toleranz auf dem Prüfstand

Toleranz zu üben bedeutet letztlich, Balance zu halten zwischen Beharrungsvermögen und Wandlungsfähigkeit. Ohne Grenzen ist Toleranz nicht denkbar; für Unwiderrufliches ist entschlossen einzustehen. Gleichzeitig ist aber auch die Bereitschaft zu üben, eigene Positionen stets neu in Frage zu stellen.

Der folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Arbeitsgruppe I «Europäische Toleranz auf dem Prüfstand» des Kolloquiums «Sind unsere westlichen Werte in Gefahr?», unter dem Vorsitz von Katja Gentinetta, Chefin Strategie und Aussenbeziehungen, Kanton Aargau, Lenzburg.

Die Beschäftigung mit Toleranz hat eine lange und bewährte akademische Tradition; einerseits wird der Begriff und seine philosophische Tragweite analysiert, andererseits wird der gerade für die Geschichte Europas konstitutive Umgang mit Toleranz beschrieben. Für die Arbeitsgruppe war schnell klar, dass Toleranz nicht Permissivität oder Gleichgültigkeit sein darf, sondern auf echtem Respekt und auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Auch hat sich, wie eine Aufstellung von Katja Gentinetta zeigt, in der Geschichte die Begrifflichkeit in einer aufsteigenden Treppe des moralischen Lernens von der Intoleranz hin zur Akzeptanz entwickelt.

Solche philosophischen Klärungen wurden allerdings jäh gestört durch das Bekenntnis zum «schlechten Gewissen», zur steigenden persönlichen Verunsicherung mit und über Toleranz im heutigen Alltag, sur le terrain. In den öffentlichen Sozialdiensten werden Kaderfrauen von den (vornehmlich ausländischen) «Kunden» nicht mehr als volle Person genommen, und es wird nach dem Chef verlangt. Und in unseren Grossstädten stört nicht so sehr das Kopftuch als die Respekt- und Gedankenlosigkeit der heutigen, durchaus auch einheimischen Jugend, die die Schuhe auf die Sitzpolster legt oder laut und Burger mampfend im Bus eine schweigende Mehrheit stört. Muss man all das wirklich «dulden»? Und was ist mit Jugendbanden, die Vorstadtquartiere terrorisieren?

Die heutigen Probleme sind global. Sind die Werte auch universal, und wenn ja, was heisst das genau? Für eine Fraktion der Arbeitsgruppe ist die Sache klar: westliche Werte – Freiheit und individuelle Selbstverwirklichung, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte – sind Errungenschaften eines jahrhundertelangen Prozesses in Europa und vor allem in den USA. Sie werden dort kompromisslos gelebt und gegen gewaltsame terroristische Angriffe verteidigt. Sie basieren auf einem jüdisch-christlichen Wertegefüge und sind vor allem dem Islam in ihrer Anziehungskraft, in ihrem ökonomischen und gesellschaftlichen Erfolg, letztlich aber auch ideologisch und gedanklich überlegen.

Die amerikanische Intervention im Irak wäre demnach indiskutabel legitim und durch die Elimination eines schrecklichen Diktators erfolgreich – beim Kosovo sei das dann allerdings schon viel komplizierter. Konsequenterweise wird auch verlangt, diese Werte über den ökonomischen Erfolg zu stellen und sie, etwa im Umgang mit China und anderen menschenrechtsverletzenden Regimen, resolut einzufordern. Die europäische Gesellschaft, Rumsfelds «old Europe», ist demgegenüber geprägt durch Zaudern, durch zuviel Toleranz mit Intoleranten, vor allem denjenigen, deren Terror mit einem absoluten Wahrheitsanspruch daherkommt.

Dies bleibt allerdings nicht unwidersprochen. Terror sei selbstverständlich zu bekämpfen; dazu genüge das Strafrecht. Gerade die derzeitige Administration der Vereinigten Staaten trage aber ihrerseits Züge eines politischen, möglicherweise religiös begründeten Fundamentalismus, der nicht nur intolerante Züge gegen Andersdenkende habe, sondern sich die Wahrheit nach eigenen Glaubenssätzen zurechtzimmere. Der aufklärerische Zweifel hüben wie drüben, der letztlich in einer Suspendierung letzter Wahrheitsfragen gipfelt, sei auch eine gesellschaftliche und moralische Errungenschaft, die angesichts letztlich archaischer oder vormoderner Infragestellungen nicht einfach über Bord geworfen werden dürfe.

Weitere Stimmen warnen, dass die Universalität brüchig sei. Was wir als Bekenntnis zu universalen Werten verstehen, könnten die dadurch vom Westen implizit kritisierten Schwellenländer auch als Arroganz derjenigen auffassen, die von ihnen Nahrungsmittel importieren und an sie die eigenen Menschenrechte exportieren.

Werte müssen vermittelt werden, in der Familie, der Gemeinschaft und der Schule. Zur Rolle letzterer entspann sich eine interessante Diskussion, die im Wesentlichen zwei Hauptperspektiven artikulierte. Die einen meinten, das könne nur der Markt, und staatliche Bildungsinstitutionen seien dazu nicht in der Lage. Deren behauptete Neutralität sei nur ein Trugbild, das sich leicht von Gutmenschen ausbeuten lasse und letztlich die private Meinungsfreiheit ungebührlich einschränke. Dies sei auch dort der Fall, wo Gesetze die Gesinnung der Leute vorschreiben oder prüfen wollten und…

(8) Objectivité des valeurs et pluralisme culturel en

Wie kann das gedeihliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturkreise ermöglicht und gestaltet werden? Welche Unterschiede sind zu tolerieren? In unverwechselbar französischer Manier greift Jean Baechler auf Philosophie, Soziologie und Geschichte, vor allem aber auf einen rigoros gesetzten begrifflichen und konzeptuellen Rahmen zurück, um eine Antwort zu formulieren. Diese Antwort mag im Theoretischen genügen; ihre praktische Umsetzung stösst indessen, so der Autor, zumindest heute noch an Grenzen.

(9) Human Rights Are Indivisible

Zu den Bedrohungen westlicher Werte gehört auch jene Spielart des kulturellen Relativismus, die unter Berufung auf autochthone Traditionen und Konventionen die Universalität von Menschenrechten negiert. Beginnend mit einem Rückblick auf den europäischen Ursprung, auf Entwicklung, fortschreitende Ausdifferenzierung und rechtliche Verankerung der Menschenrechtsidee, spürt Menzies Campbell heiklen Fragen und Dilemmata nach, wie sie sich im Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektivität, aber auch zwischen einzelnen Wertvorgaben – etwa Freiheit und Sicherheit – unausweichlich ergeben.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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