(2) Ein Leben ohne Zwangsherrschaft

Individuum, Eigentum, Tausch – was bedeutet es am Anfang des 21. Jahrhunderts, liberal zu sein? Eine Standortbestimmung.

Reicht es, sich «liberal» zu nennen, um es auch wirklich zu sein? Wird die Vielfalt der Personen, Publikationen und Parteien betrachtet, die sich gegenwärtig mit diesem Wort schmücken, könnte man fast schon an eine Renaissance liberaler Ideen glauben. Doch ist Vorsicht geboten. Viele derer, die sich «liberal» nennen, verkennen die Grundlagen des Liberalismus und beanspruchen seinen Namen für Auffassungen, die jeder kohärenten Vorstellung einer freiheitlichen Gesellschaft widersprechen.

Der Liberalismus hält das Individuum hoch und basiert auf der Anerkennung grundlegender individueller Rechte. Diesem Denken verdankt die Menschheit seit der Renaissance, der Aufklärung, vor allem aber seit der industriellen Revolution eine bemerkenswerte Entwicklung. Weil der Liberalismus den Respekt gegenüber den anderen verlangt und in den zwischenmenschlichen Beziehungen den Tausch in jedem Fall über den Zwang stellt, wird er zu Recht als Philosophie des Zivilisationsprozesses betrachtet. «Der wahrhafte Liberalismus» – schreibt der französische Ökonom und einstige Präsident der Mont-Pèlerin-Gesellschaft Pascal Salin in seinem Standardwerk «Libéralisme» – «achtet die einzigartige Persönlichkeit eines jeden, seine Würde, seine Freiheit in der Wahl seiner Zwecke. Und er lehnt folglich jede mechanistische, bloss quantitative Auffassung des Lebens der Menschen in einer Gesellschaft ab.»

Die Gesamtheit des liberalen Gedankenguts beruht also auf einer Prämisse, die bereits in der Idee der Freiheit enthalten ist: dem Primat des Individuums. Diese realistische Prämisse, die ihrerseits auf der Anerkennung der Vernunft, der Willensfreiheit und der Verantwortlichkeit der Person fusst, erlaubt die konsequente Formulierung einer Ethik der Freiheit. Im Zentrum steht der Respekt vor individuellen Rechten, angefangen beim Leben und dem Eigentum an sich selbst. Der Liberalismus hat nichts mit der Verteidigung einer nihilistischen Anarchie zu tun, wonach jeder tun kann, was er will. Es geht ihm vielmehr um die legitimen Eigentumsrechte jedes Individuums, die sowohl seine Persönlichkeit als auch den Reichtum umfassen, den es hervorbringt. Die Güter existieren nicht von Anfang an oder in einer im voraus festgelegten Menge, wie manche zu glauben scheinen, sondern verdanken ihre Existenz den Fähigkeiten und Anstrengungen des Individuums. Dies schliesst notwendigerweise moralische Ansprüche anderer auf ebendiese Güter aus; denn ohne individuelle Anstrengung gäbe es sie gar nicht. Selbst der Wert der vorhandenen natürlichen Ressourcen hängt davon ab, ob jemand sich entschliesst, einen produktiven Gebrauch davon zu machen. Die Eigentumsrechte widerspiegeln diese Schaffenskraft des menschlichen Geistes, den man vielleicht als die letztlich ausschlaggebende natürliche Ressource bezeichnen kann. Es sind also diese Rechte, die Gerechtigkeit definieren und in einer Welt der Knappheit die individuelle Freiheit wahren, indem sie die gegenseitigen Ansprüche abgrenzen und somit helfen, Konflikte zu vermeiden.

Was für die Persönlichkeit zutrifft und relativ unbestritten ist, gilt auch für die Güter: Die «Wirtschaft» ist nichts anderes als das für das menschliche Leben erforderliche Handeln. Die Formulierungen des französischen Denkers Frédéric Bastiat sind in ihrer Einfachheit und Stringenz auch noch nach über 150 Jahren unübertroffen: «Wir erhalten von Gott das Geschenk, das für uns alle anderen einschliesst: das Leben – das körperliche, geistige und moralische Leben. Aber das Leben unterhält sich nicht von selbst. Der es uns gegeben hat, hat uns die Sorge überlassen, es zu erhalten, es zu entwickeln, es zu vervollkommnen. Dafür hat er uns mit einer Menge wunderbarer Fähigkeiten versehen.»

Demnach ist die Marktwirtschaft kein nutzenorientierter Hintergedanke des Liberalismus, der darauf abzielte, den Reichtum zu maximieren, auch wenn dieser meist generiert wird, sondern sie steht für den freiwilligen Tausch, der die zwischenmenschlichen Beziehungen in einer freien Gesellschaft prägt. Der «Markt» ist nichts anderes als ein Begriff, der den unzähligen, komplexen und auf Vertragsfreiheit beruhenden Tauschhandlungen Rechnung trägt, die in verschiedenen Graden in allen sozialen Kontexten stattfinden. Die Menschen, die sich entscheiden, in vollständiger Autarkie und Armut zu leben, sind ebenso selten wie jene, die…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»