(2) Die Armut damals auf dem Land war gross

Suzann-Viola Renninger im Gespräch mit Josef Mooser Was uns heute skandalös erscheint, gehörte im 19. Jahrhundert zur Normalität: Massenarmut auf dem Land. Die Situationen der Familien, aus denen die Verdingkinder stammten, waren noch viel prekärer. Versuch einer historischen Kontextualisierung.

«Der Kuhstall war mein Wohnzimmer»; «Arbeitete ich viel, bekam ich Schläge, arbeitete ich nicht, bekam ich auch Schläge»; «Und einfach immer dieser Hunger, dieser Hunger». Diese Aussagen dreier ehemaliger Verdingkinder können stellvertretend für viele stehen. Aus heutiger Sicht ist das Urteil rasch gefällt. Es stellt sich die klassische Frage der Nachgeborenen: Warum wurde nichts dagegen getan?

Um hier eine Antwort zu finden, muss man sich drei Konstellationen vor Augen führen. Zum einen die allgemeine Knappheit und die Härte des Lebens zu jener Zeit, und zum andern die besonders verschärfte Massenarmut in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Drittes kommt hinzu, dass im 19. Jahrhundert die Arbeit vorwiegend in den Familien stattfand. Die Arbeit in Unternehmen ist ein Produkt des Industriekapitalismus, der sich damals erst allmählich durchzusetzen begann. Die Relevanz der Folgen der familienwirtschaftlich organisierten Arbeit in Landwirtschaft und Heim-industrie für Europa wird heute immer wieder vergessen und stattdessen einseitig auf aussereuropäische Länder projiziert: die Kinderarbeit. Doch bis weit ins 20. Jahrhundert war sie auf dem Land auch in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Ab dem Alter von 10 Jahren mussten die Kinder auf dem Hof mitarbeiten. Im sozialen und kulturellen Kontext der Familienwirtschaft war das eine Selbstverständlichkeit.

Sie meinen, da gliederte sich die Arbeit der Verdingkinder nahtlos ein?

Diese Kinder wurden gebraucht, als Arbeitskräfte, aber auch weil man Geld für ihre Aufnahme erhielt. Bezeichnenderweise nahm dieses Kostgeld mit zunehmendem Alter der Kinder fortlaufend ab. Es hiess, die Kinder könnten ja nun mehr selbst dafür arbeiten, dass sie in der Bauernfamilie Kost und Logis erhielten. Und das war wiederum für viele Pflegeeltern eine Einladung, die Kinder als Arbeitskräfte bis zum letzten auszubeuten. In dem Standardlehrbuch der Historiker und Sozial-

wissenschafter Christoph Sachsse und Florian Tennstedt findet sich über die Geschichte der Armen- und Sozialpolitik seit dem späten Mittelalter folgender Satz: «Die Geschichte der Armenfürsorge auf dem Land im 19. Jahrhundert ist weithin eine Geschichte der Grausamkeit.» Die grausame Situation der Verdingkinder ist ein Beleg dafür.

Grausam aus heutiger, oder auch aus damaliger Sicht?

Auch aus damaliger. Das hätte man schon vor mehr als 100 Jahren so schreiben können. Das Bewusstsein war vorhanden, und schon im späten 19. Jahrhundert gab es in den Städten eine Bewegung zur Reform der Armenpolitik. Man hatte entdeckt oder, richtiger, wiederentdeckt, dass es Armut nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land gab. Und dass die Armenunterstützung hier viel geringer ausgebildet war als in den Städten, so gering, dass man davon sprach, sie sei menschenunwürdig.

Welche Folgen hatte diese Erkenntnis?

Eine Folge war die Neufassung der Armengesetze, insbesondere in der Organisation der Finanzierung der Armenunterstützung, etwa im Gesetz des Kantons Bern von 1897 mit einem Lastenausgleich der Kosten zwischen den Gemeinden und staatlichen Subventionen, die durch eine kantonale Armensteuer aufgebracht wurden. Daneben sind – im Rahmen der Professionalisierung der Armenpflege – Impulse zur Humanisierung im Umgang mit den Armen zu beobachten. Säuglinge und kleine Kinder etwa waren bis dahin oft schlichtweg verhungert oder an nicht weiter beachteten Krankheiten gestorben. Doch jetzt begann man, auch diese Kinder unter medizinischen Gesichtspunkten zu sehen und sich zu fragen, ob ihre Ernährung ausreichend sei oder ob sie an therapiebedürftigen Krankheiten litten. Daneben gab es aber weiterhin Prügelstrafen und die ganze strukturelle Demütigung der Kinder aus den sogenannten anormalen Verhältnissen. Erste Humanisierungsschritte und Grausamkeiten existierten noch nebeneinander.

«Grundsätzlich kann ich die Leute nicht schlechtmachen. Sie kämpften auch ums Überleben», erzählt ein ehemaliges Verdingkind von seiner Pflegefamilie, das 1945 siebenjährig weggegeben worden war. Inwiefern stehen diese Grausamkeiten mit der extremen Armut der Landbevölkerung in Zusammenhang?

Seit dem 18. Jahrhundert war die ländliche Gesellschaft überwiegend eine Gesellschaft von Armen. Die…

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