(2/3) «Gegen einen Wattebausch ist Ödipus machtlos»*

Hans-Rüdiger Schwab im Gespräch mit Thomas Hürlimann

Die Klosterschule ist in Ihren Texten sehr präsent. Als Leser gewinnt man fast den Eindruck, es handle sich hier um eine Art Hassliebe. Auf der einen Seite verbinden sich mit ihr Erfahrungen, an denen Sie sich vielleicht bis heute, an der Schwelle zum sechzigsten Lebensjahr, wundscheuern. Auf der anderen Seite findet keine totale Verwerfung statt. Womöglich hat sie Ihnen sogar etwas vermittelt, an dem Sie nach wie vor hängen. Trifft dieser Verdacht zu?

Vor einigen Jahren habe ich in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich die erlaubte Besuchszeit überschritten. Es war Nacht, als ich das Gebäude verlassen wollte, und ich habe es auch verlassen. Bei meinem nächsten Besuch fragte mich die Sekretärin des Chefarztes: Sie sind wahrscheinlich der erste, der nachts hinausgefunden hat. Wie haben Sie das geschafft? Ganz einfach, erklärte ich ihr, ich bin in einem Gebäude aufgewachsen, das Ihrer Klinik zum Vorbild gedient hat. (Lacht.) Meine in frühen Jahren eingeübten Instinkte liessen mich problemlos das Portal finden. Dieses war verschlossen, klar, aber dann habe ich mich gefragt: Hatten wir in der Stiftsschule nicht einen Notausgang? Und tatsächlich, der war in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli an derselben Stelle wie im Kloster Einsiedeln. Ein geschlossenes Geviert, das Sie acht Jahre bewohnen, werden Sie so schnell nicht los, das würde Ihnen jeder Knacki bestätigen, und das liegt vor allem daran, dass die Eingeschlossenen nur einen einzigen Tag erleben, einen Tag, der sich wieder und wieder wiederholt, vom Morgen- bis zum Abendgebet. Glauben Sie mir: dieser Tag bleibt in den Knochen. Ich trage ihn immer noch in mir. Lebenslänglich. Was übrigens Vor- wie Nachteile hat. Zum einen bleibt man im Gebäude eingekerkert, zum andern, siehe Burghölzli, findet man aus ihm hinaus.

 

Die Rituale der Wiederkehr des immer Gleichen scheinen diesen umschlossenen Raum des Klosters zugleich auch zu einem etwas schrägen Mikrokosmos zu machen?

O ja, hinter solchen Mauern lernte ich nicht nur mich selbst, sondern auch die Welt kennen – für einen Schriftsteller ist das sehr wichtig, auch für das Überleben in diversen Systemen. Als ich 1978 ans Berliner Schillertheater kam, brauchte ich nur den Intendanten Lietzau durch meinen früheren Präfekten Pater Fridolin zu ersetzen – schon war mir klar, wie der Laden lief. Dies ging bis in die einzelnen Verästelungen des Hauses hinein, bis zum Pförtner. Nach zwei Stunden wusste ich über das Schwarmverhalten und die Schwarmintelligenz innerhalb dieses Gebäudes Bescheid und schwamm und schwärmte mühelos mit. Aus dem Mikrokosmos des Klosters, der Klasse, des Schlafsaals konnte ich auf die Welt schliessen. So vielfältig sind die Formen des menschlichen Zusammenlebens nämlich nicht. Vermutlich ist eine Familie zu klein, um das Prinzipielle von Ordnungen und Abläufen erkennen zu lassen, eine Klosterschule hat genau die richtige Grösse dafür – was kein Zufall ist, wie ich vermute.

 

Die Ordnung in der Klosterschule war vielleicht nicht leer, aber sie war doch wohl kaum mehr zeitgemäss. Die Jahre, die Sie dort verbracht haben, waren ja solche des Umbruchs. Wie haben Sie diesen Kulturkonflikt wahrgenommen?

Das Schwerste für uns Zöglinge war das frühe Aufstehen. Pater Fridolin, der Präfekt, wollte es uns erleichtern und liess in den Schlafsälen eine Lautsprecheranlage installieren. Fortan wurden wir jeweils mit den trostlosen «Vier Jahreszeiten» oder mit einer Fuge von Bach geweckt. Eines Tages drückte ein Zögling dem Präfekten eine neue Platte in die Hand, eine Art trojanisches Pferd, denn in der Mozart-Hülle steckten die Rolling Stones. In seiner Zelle, wo er die Platte auflegte, konnte Pater Fridolin nichts hören, aber als er dann in die Nähe der Schlafsäle kam, wurde ihm sofort klar, was los war. Wir alle brüllten: «I Can’t Get No Satisfaction.» Am Mittag stammelte der…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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