(2/2) Von neuem

Ein Schriftsteller in Erklärungsnot

Man kann immer wieder von neuem von Neuem schreiben. Zum Beispiel von der neuen Rechtschreibung. Obwohl sie inzwischen auch schon wieder alt ist. Immerhin weniger alt als die alte. Auch wenn sie in vielem älter aussieht als diese. In die Jahre gekommen. Jedenfalls sieht sie alt aus. Und sie hat sich entsprechend ja auch schon ein paarmal überholt, will heissen, zurückbuchstabiert, wieder auf den Stand der alten Rechtschreibung gebracht, oder wenigstens beinahe, hinter und unter den sie in einem kollektiven, epidemischen Sündenfall der deutschsprachigen Kultusminister und ihrer willigen und willkürlichen Handlanger zurückgefallen war. Sie ist jetzt schon fast wieder die alte, wie sie im Lauf der Jahrhunderte bis in die feinsinnigsten Differenzierungen und Verästelungen hinein eben gewachsen war.

Und damit könnte es gut sein. Und damit könnte man es gutsein lassen. Wenn nur nicht das Chaos wäre, der Schlamassel, die Rechtsunsicherheit, die die Rechtschreibgelehrten durch die Neue Rechtschreibung und die neue Neue Rechtschreibung in der alten zuerst angerichtet und in der neuen alten dann hinterlassen haben. So dass jetzt jede bessere und schlechtere Zeitung ihre eigene Rechtschreibung hat und jeder bessere und schlechtere Verlag die seine. Und jeder bessere und schlechtere Schreibende genötigt ist, sein Sprachwesen gegen das Unwesen einer sogenannten Kulturpolitik, und seinen Sprachcharakter gegen die Charakterlosigkeit von deren Sprachverwesern zu behaupten.

Und ich – als Beispiel, das ich aus der eigenen Erfahrung kenne – aus Verlegenheit ins Impressum meiner neuen Bücher, die in meinem österreichischen Verlag erscheinen, Erklärungsnotsätze wie «Die Schreibweise des Autors orientiert sich an der schweizerischen moderaten neuen Rechtschreibung der Neuen Zürcher Zeitung» oder zuletzt «Die Rechtschreibung des Autors orientiert sich an den Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz SOK» drucken lassen muss; während die Bücher, die in meinem Hamburger Verlag erscheinen, undeklariert einer moderaten deutschen neuen Rechtschreibung verpflichtet sind. Von den verschiedensten Schreibweisen in den verschiedensten Anthologien und den Nachdrucken in Schulbüchern gar nicht zu sprechen. Ein Unding natürlich. So dass man wahrscheinlich noch lange immer von neuem vom Neuen, das sich Neue Rechtschreibung nennt, schreiben muss. Bis eines Tages, hoffentlich, der Sprachfriede im Land und zwischen den Ländern wiederhergestellt sein wird. Und die Sprache auf wieder gesichertem Boden wieder weiterwachsen kann, wie es ihr selber richtig erscheint.

Jürg Amann, geboren 1947, lebt als Schriftsteller in Zürich.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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