(2/2) Sind grüne Marktphantasien nachhaltig?

Die Ideen des Bastien Girod Umweltprobleme lassen sich reduzieren, wenn wir der Ökonomie mehr Beachtung schenken.

Bastien Girod, Jungnationalrat für die Grünen und Umweltwissenschafter, will in seinem neuen Buch «Green Change» beweisen, dass wir alle glücklicher werden, wenn wir nachhaltiger leben. Zu unserem eigenen Vorteil sollen wir uns um eine ökologische Lebensweise bemühen und zu diesem Zweck unter anderem grüne Parteien wählen. Bleibt die Frage: Warum gibt es überhaupt Umweltbelastung und Umweltzerstörung, wenn dies die nach Glück strebenden Menschen unglücklich macht?

Girod erklärt dies damit, dass die intakte Umwelt ein öffentliches Gut darstellt und wir in einem sozialen Dilemma gefangen sind, wenn es darum geht, diese zu schützen oder nachhaltig zu bewirtschaften. Ein solches Dilemma bestehe immer dann, wenn individuelle und kollektive Rationalität kollidierten. Konkreter: jeder Akteur werde ohne Kooperationsmöglichkeiten in einer sozialen Dilemmasituation seinen individuellen Nutzen optimieren. Gerade dadurch aber werde ein gesellschaftlicher Zustand erreicht, der nicht dem Optimum entspreche.

Gemäss der Glücksforschung, so zeigt Girod auf, führen folgende Faktoren zu einem gesteigerten Glücksempfinden: mehr materieller Wohlstand und Anerkennung, eine erfüllende (Erwerbs-)Arbeit, ein aktives Netz an sozialen Beziehungen, Selbst- und Mitbestimmung, die Möglichkeit, soziale Normen einzuhalten und kooperatives Verhalten auszuüben, eine intakte Natur, Schutz vor Verlusten, Fairness sowie persönliche (z.B. genetische) Faktoren.

Die Liste zeigt, dass es viele Wege zum Glück gibt. Warum soll nun der ökologische Weg der alleinseligmachende sein? Girod schafft diesen argumentativen Spagat mit dem Hinweis, dass green change mehr umfasse als einen verstärkten Einsatz für Umweltanliegen. Woraus besteht nun dieser grüne Wandel? Als wichtigstes Element fordert Girod «grüne Märkte». Damit sind Märkte gemeint, auf denen alle externen Kosten der Produkte internalisiert werden. Dies kann beispielsweise über staatsquotenneutrale Abgaben auf umweltschädliche Produkte erzielt werden. Auch das Verbot umweltschädlicher Produkte gehört zu Girods Konzept «grüner» Märkte.

Neben der Marktordnung soll auch die Produktion grüner werden. In einer ökologischen Wirtschaft ist nach Girods Vorstellung der technische Kreislauf vollständig vom ökologischen Kreislauf getrennt und erreicht eine Recyclingrate von 100 Prozent. Als weitere Elemente auf Girods Wunschzettel eines green change tauchen auf: mehr Arbeitsplatzsicherheit, stärkere Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips, bessere Bildung, mehr Subsidiarität, Glück als Schulfach, gerechtere Verteilung des Wohlstands, steuerliche Entlastung von Genossenschaften, verdichtetes Bauen, energetische Gebäudesanierung und Minergie-Standard, weniger Mobilität, grüne Energieversorgung, etc.

Die Vorschläge von Girod sind teilweise unnötig, und wo sie zielführend wären, sind sie politisch schwierig umzusetzen. Die externen Kosten der Mobilität (im privaten wie auch öffentlichen Verkehr) sind beispielsweise seit mindestens 20 Jahren bekannt, ebenso der Lösungsansatz, die Abgaben auf Treibstoff massiv zu erhöhen und dafür die Subventionen für den öffentlichen Verkehr zu streichen. Politisch waren solche Vorhaben bisher chancenlos; der Souverän hat solche Ansätze in der Vergangenheit äusserst ungnädig beurteilt. Zu lieb ist uns die Mobilität geworden, zu hoch schätzen wir ihren möglichen Verlust ein.

Bei der Diskussion des Gefangenendilemmas im Falle öffentlicher Güter geht Girod ausführlich auf die Arbeiten von Elinor Ostrom ein. Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2009 hat in ihren Studien aufgezeigt, wie in allen Kulturen Regelsätze entwickelt wurden, die es den Gruppen möglich machten, der Gefahr der «Tragödie der Allmende» bei gemeinschaftlich genutzten Gütern zu entgehen. Dass aber der Problematik der öffentlichen Güter mit Privatisierung ungleich effizienter begegnet werden kann, erwähnt Girod mit keinem Wort.

Für den von ihm angestrebten Wechsel will Girod zwar das Innovationspotential der Marktwirtschaft nutzen, um zusammen mit staatlichen Zielsetzungen die Umwelt zu schützen. Doch ist Vorsicht geboten. Denn wenn (etatistische) Politiker vorgeben, das Innovationspotential des Markts nutzen zu wollen, dann begeben sie sich selbst in ein soziales Dilemma: sie greifen aktivistisch in die Marktkräfte ein, um mit dieser Demonstration von «Führungsstärke» ihre Wiederwahl zu sichern, und stören gerade dadurch die Marktdynamik. Wo reguliert und subventioniert wird, werden die aktuellen Modeströmungen gefördert – und nicht das Potential für zukünftige Innovationen genutzt.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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