(12) «Du bist frei, frei zu sein»

Spielregeln definieren statt Spieler manipulieren: wie der ehemals militante Philosoph und Historiker Michel Foucault Ende der 1970er Jahre den Liberalismus entdeckte.

Seit einigen Jahren macht ein dunkel schimmernder Begriff an Universitäten und zunehmend auch in den Medien die Runde: «Gouvernementalität». Das Missverständnis, der Terminus bedeute «Regierungs-Mentalität» und habe mit der französischen Mentalitätsgeschichte zu tun, konnte mittlerweile ausgeräumt werden. «Dieses hässliche Wort» (Foucault) ist abgeleitet vom französischen Adjektiv gouvernemental, die Regierung betreffend, und lässt sich wohl am besten mit «Regierungs-Art» übersetzen. Sie ist das Thema von Vorlesungen, die der französische Ideenhistoriker Michel Foucault (1926–1984) Ende der 1970er Jahre am Collège de France in Paris gehalten hat.*

Was also heisst «regieren»? Foucault leitet seinen Begriff des Regierens im wesentlichen vom orientalisch-jüdischen und vom christlichen Pas­torat her: wie der Schäfer seine Herde führt, für sie sorgt und sie in diesem Sinne regiert, bedeutet Regierung die Führung und die Sorge um eine Menge von Menschen. Auf diesem historischen Hintergrund entwickelt sich im 16./17. Jahrhundert die moderne Regierungskunst als eine Kunst der Führung der Individuen, verstanden als Teil einer statistisch beschreibbaren Bevölkerung. Der Fokus dieser Regierung ist die Bevölkerung selbst: deren «Geschick zu verbessern, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer, ihre Gesundheit zu mehren». Diese Ziele scheinen sich problemlos in den Analyseraster «Biopolitik» einzufügen, doch der Schein trügt.

Foucault unterscheidet zwei Formen der neuzeitlichen Gouvernementalität – die des absolutistischen «Polizeistaates» und jene des liberalen «Rechtsstaates» –, und er führt den Begriff der «Freiheit» als «fundamental» für das Verständnis der modernen Gouvernementalität ein. Das konzeptionelle Problem, das sich daraus ergibt, ist für Foucault unlösbar. Der «Polizeistaat», wie er ihn beschreibt, verfüge zwar über ein Instrumentarium, das man «biopolitisch» nutzen könnte, aber diese polizeistaatliche Gouvernementalität ist in Foucaults Darstellung just in dem Augenblick – also seit der Mitte des 18. Jahrhunderts – am Verschwinden, als eine Biopolitik mit ihren sexualitätstheoretischen und zugleich rassistischen Konnotationen überhaupt erst auftauchen kann. Foucault versucht zwar zu Beginn der zweiten Vorlesungsreihe in ausgesprochen vager Weise, die Biopolitik in einen Zusammenhang mit dem neu aufkommenden Liberalismus zu bringen, aber es funktioniert nicht. (Am Anfang der Stunde vom 7. März 1979 sagt er daher entschuldigend: «Ich möchte Ihnen trotz allem versichern, dass ich zu Beginn die Absicht hatte, über Biopolitik zu sprechen, und dann habe ich, wie die Dinge sich eben entwickelten, am Ende lange, und vielleicht zu lange, über den Neoliberalismus gesprochen …». Der Begriff «Biopolitik» wird zwar in der Zusammenfassung der Vorlesung noch einmal mit der Bemerkung aufgerufen, dass nun die Frage nach der Biopolitik im Neoliberalismus untersucht werden müsste, damit aber verschwindet sie aus Foucaults Werk.) Das ist wohl kein Zufall. Zwar stellen sich auch in modernen Gesellschaften die Probleme der Regulation des Lebens (von der Empfängnisverhütung über die Reproduktionsmedizin bis zur Sterbehilfe), aber moderne Gouvernementalität lässt sich nicht mehr im Stil jenes biopolitischen Staatsrassismus beschreiben, den Foucault noch in seiner Vorlesung «In Verteidigung der Gesellschaft» (1976) im Sinn hatte.

Vielmehr gerät nun ein moderner Staat in den Blick, der sich erstens permanent und konstitutiv der Kritik der Liberalen ausgesetzt sieht, ja nicht zu viel zu regieren – und der sich nach der Überwindung des Polizeistaates im 18. Jahrhundert und mit einigen historischen Schwankungen entsprechend ausformt. Zweitens rückt in dieser Form von Gouvernementalität konsequenterweise die Freiheit des Individuums ins Zentrum der Problematisierung des Regierens: Wie kann regiert werden, wenn die Individuen frei sein sollen?

Hier muss ein Begriff eingeführt werden, der für Foucault zentral ist: «Wahrheit». In allen Phasen seines Werkes fragte er danach, wie eine Wahrheit zustande komme, wie «wahre Aussagen» über Subjekte möglich seien, wie Subjekte sich zu ihrer eigenen Wahrheit verhielten (dies die Verschiebung im Spätwerk) – ohne dass der Genealoge diesen Wahrheiten mehr als einen historischen Rang zubilligen müsste. Im Kontext der Gouvernementalitäts-Analysen entdeckt Foucault, dass im 18.…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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