100 Jahre – Rolf Gérard

Zwischen zwei Polen schwingt dieses wunderschöne Buch: der Darstellung eines ungewöhnlichen Lebens und dessen künstlerischem Ausdruck in Farben und Formen. Die Beschreibung des Lebens und Werkes von Rolf Gérard schreitet chronologisch fort; mehr noch als Kapitelüberschriften gliedert eine Abfolge beeindruckender Selbstbildnisse des Älter-werdendens die Flut von Veduten, Stillleben, Portraits und Landschaftsdarstellungen. Die Beschreibung der Bilder und des Lebens Rolf Gérards, der insbesondere durch Bühnenbilder und Opernausstattungen berühmt wurde und dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag feierte, erfolgt gründlich und liebevoll durch Mitglieder der Fondazione Rolf Gé-rard.

Wert wird auf die deutliche Abgrenzung gegenüber den Arbeiten anderer zeitgenössischer Künstler gelegt, wobei gleichzeitig stets herausgehoben wird, dass ein stilistischer Einfluss dennoch bestehe – eine etwas lästige und überflüssige Mühe, keinen Verdacht der Uneigenständigkeit aufkommen zu lassen. Statt dessen wäre eine akzentuiertere Hervorhe-bung des eigensten Darstellungsgestus Gérards erfreulich gewesen: eine sehr sexuelle Wahrnehmung menschlicher Kör-per, von Biegsamkeit und Schwung, der schon im «Stafettenläufer» von 1922 deutlich wird und sich dann immer wieder neu manifestiert, sehr deutlich in «La pétanque, Antibes» von 1937, in den Harlemzyklen, bei den «Zwei Matadoren» von 1961 und auch noch in den «Fritzi»-Bildern von 1977 und 1980. Fast ein Buch im Buch ist die eingefügte (Selbst-)Biographie Rolf Gérards mit Text, Photographie und einer abermaligen Dokumentation verschiedener Werk-phasen –

eine sehr bereichernde zusätzliche Lektüre.

Der Titel «90 Jahre Lebenstagebuch» erscheint klug gewählt. Der Betrachter kann, entlang den verschiedenen, wie-derkehrenden Themen, Spaziergänge durch das Leben dieses interessanten Menschen und die malerische Aneignung und Bewältigung des vergangenen Jahrhunderts unternehmen. Die offensichtlich ungebrochene Lebensfreude Gérards, die vor allem zum Ausdruck kommt in der Tatsache, dass er immer weiter malte und malt und auch in Zeiten der Trauer und des Alterns nicht aufgehört hat, kommt dabei wie ein energiespendendes Remedium gegen das metaphysi-sche Grauen und das (in dieser Publikation ebenfalls sehr deutlich sichtbare) Altern dem Leser entgegen.

Die Veränderungen des menschlichen Körpers und der Physiognomie durch Leiden und Altern sind im malerischen Bewusstsein des nebenberuflichen Arztes sehr präsent. Dies belegen beispielsweise die «Patientenzeichnungen in Lon-don» von 1944/45 und, besonders beeindruckend, die Skulptur «Elisabeth von Loewen» von 1941. Ein besonderes Ge-schenk ist es jedoch, Selbstbildnisse eines Mannes vom 18. bis zum 98. Lebensjahr betrachten zu können. Schon allein deshalb ist dieser Band zu empfehlen.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Matthias Frehner & Diana Mirolo: «Rolf Gérard – 90 Jahre Lebenstagebuch». Bern: Benteli, 2007

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