(1) Lieblich mit Pfiff!

Naturkanton, Energiekanton, Kulturkanton, Geschichtskanton, Innovationskanton – der Aargau ist leistungsbewusst, könnte aber manchmal selbstbewusster auftreten.

In meinem Präsidialjahr habe ich häufig ausländische Gäste. Alle führe ich mindestens einen halben Tag in den Aargau und zeige ihnen die Stärken und Schönheiten meines Kantons, der häufig unterschätzt wird. Ja, es wird gesagt, der Aargau sei mit seinen mehr als einer halben Million Einwohnern bei Wahlen und Abstimmungen ein Durchschnittskanton; und es wird gesagt, man komme beim Durchfahren unseres Landes von Ost nach West oder umgekehrt nicht um den Aargau herum. Ja, man weiss, Sitz der Regierung ist Aarau. Doch je nach dem, wo man wohnt, ist man überzeugt, dass Baden, Zofingen, Lenzburg, Rheinfelden, Muri oder sogar Gansingen, Mellingen oder Beinwil Kantonshauptorte sind. Und ja, man hört und liest, dass die Energie im Aargau fast überall greifbar ist. Wir haben auf kleiner Fläche drei Atom- und verschiedene Wasserkraftwerke und versorgen damit grosse Teile unseres Landes mit Strom. Damit habe ich einige Klischees angesprochen, mit denen wir Aargauerinnen und Aargauer beglückt werden. Die Zürcher mögen verzeihen, dass ich ihre Mär unterschlagen habe, alle Aargauer trügen weisse Socken.

Mein Aargau jedoch sieht anders aus. Er hat mit seinen Jurahügeln, seinen zauberhaften Flüssen und Seen Landschaften von nationaler Bedeutung. Ich wohne ganz in der Nähe des «Wasserschlosses», dort, wo Aare, Reuss und Limmat zusammenfl iessen und wenig weiter nördlich in den Rhein münden. Mein Aargau ist mit den historischen Ausgrabungsstätten der Römer (von Vindonissa bis Augusta raurica) und den Stammschlössern bedeutender Geschlechter, wie der Habsburger, Urzeuge der Geschichte unseres Landes.

Mein Aargau hat in Baden, Rheinfelden, Schinznach und Zurzach Heilbäder, deren Kräfte von Staatsmännern gelobt und von Kurgästen geschätzt werden. Mein Aargau ist ein Kunstkanton, der Museen und Kostbarkeiten von der Antike bis zur Moderne (Kunsthaus Aarau, Langmatt Baden, Schweiz. Kindermuseum, Saurier-Museum Frick, Rüstungsmuseum Full-Reuenthal, Weinmuseum Tegerfelden) beherbergt. Mein Aargau ist ein Kulturkanton. Hermann Hesse hat in Baden Kuraufenthalte gemacht und dabei Gedichte ersonnen, Frank Wedekind hat auf dem Schloss Lenzburg seine Gedanken zu Papier gebracht, Jean-Rodolphe von Salis auf Schloss Brunegg seine Notizen eines Müssiggängers aufgezeichnet.

Der Aargau hat einiges zu bieten, und wir müssen es alles mit gesundem Selbstbewusstsein auch zeigen. Unterstützt werden wir darin durch die Wachstumsinitiative des Regierungsrates. Mit tieferen Steuern, unbürokratischen Abläufen und einem modernen Schulsystem wird die Standortattraktivität dieses Kantons weiter zunehmen.

Was dem Aargau noch fehlt, ist das Verständnis, dass seine Stärken und Schönheiten auch touristisch vermarktet werden müssen. Es geht nicht darum, Tausende von Japanern anzulocken; jedoch für Bildungs- und Geschäftstourismus sowie Tagesaktivitäten würde sich dieser Kanton ganz besonders anbieten. Damit könnte ein erheblicher Beitrag zur Wertschöpfung geleistet werden. Wenn wir im Aargau florierende Bäder haben, aufgestellte Wanderer, eine blühende Industrie dank Kunden, die gern in den Aargau kommen, Durchreisenden, die sich Zeit nehmen, unsere Gegenden kennenzulernen, Besucher in unseren Museen, Schlössern und Burgen, zufriedene Bummler auf einer neuen Weinstrasse oder einem Ritterweg der Kyburger, dann profitiert jede Branche davon.

Schliessen möchte ich meine Gedanken zum Aargau mit einem typischen Rezept meiner Grossmutter: «Schnitz und drunder nach Grosiart». Zutaten sind: 1 Kilo süsse Äpfel (z.B. Golden Delicious), 800 Gramm Kartoff eln, etwas Butter, 2 Esslöff el Zucker, 3 Deziliter würzige Bouillon, Salz und Pfeff er, rassige Würste. Die Zubereitung geht so: Zucker mit Butter leicht in der Pfanne karamellisieren, mit Bouillon ablöschen; dann Apfelschnitze und Kartoff elstücke beigeben und circa eine Stunde schmoren lassen; bei Halbzeit die Würste darauf legen; am Schluss ziemlich rassig nachwürzen. So ist mein Aargau: lieblich mit Pfiff !

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»