(1) «Hallo, hier sind wir!»

Die Schweizer wissen nicht, was die Deutschen über die Schweiz nicht wissen. Die Konsequenzen sind fatal. Deutschland erhöht den politischen Druck, während sich die Schweiz zunehmend einigelt. Dabei kann der kleine Nachbar nur verlieren. Es ist höchste Zeit für eine mediale Aufklärungsoffensive im grossen Nachbarland.

Herr Borer, auf der Homepage des Auswärtigen Amtes von Deutschland heisst es: «Beide Länder verbindet ein enges und vielgestaltiges gutnachbarschaftliches Verhältnis.» Als ehemaliger Diplomat verstehen Sie es, zwischen den Zeilen zu lesen. Was bedeutet hier «gutnachbarschaftlich»?

Nachbarn sind Menschen, die man sich, anders als Freunde, nicht aussucht. Sie werden einem gewissermassen durch äussere Umstände aufgezwungen; man muss mit ihnen irgendwie zu Rande kommen. So ist es auch mit Deutschland und der Schweiz. Über Jahrhunderte gab es mannigfache Konflikte, aber man hat gelernt, ein tragfähiges Verhältnis aufzubauen. Gute Beziehungen wären eigentlich in beidseitigem Interesse. Das bilaterale Verhältnis hat aber in den letzten Jahren arg gelitten. Es ist nicht mehr der vielbeschworene blaue Himmel, der über den beiden Ländern liegt; vielmehr formiert sich eine Gewitterfront, durch die das Blau nur noch blass durchschimmert.

Nach der Lesart des Auswärtigen Amtes gibt es bloss ein «einziges substantielles Problem»: den Streit um die Anflüge zum Flughafen Zürich…

…schön wär’s! Das ist politische Rhetorik, nein, wirklich, es gibt viele und grosse Probleme. Dafür muss ich ausholen.

Nur zu. Zuerst einmal muss man sehen, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung nördlicher und östlicher geworden ist. Der politische Schwerpunkt liegt nicht mehr im Rheinland und dem ökonomisch starken süddeutschen Raum, sondern in Berlin. Das klingt banal, ist es aber nicht. Die Schweiz liegt mittlerweile ausserhalb des Horizonts vieler Deutscher. Zudem sind in Deutschland gegenwärtig Politiker an der Macht, die der Schweiz emotional und weltanschaulich eher distanziert gegenüberstehen. Eine Kanzlerin, die in Mecklenburg-Vorpommern geboren wurde und in der DDR aufgewachsen ist, hat ein ganz anderes Verhältnis zur Schweiz als ein Kanzler Kohl. Es ist nicht so, dass Frau Merkel die Schweiz nicht gerne hätte…

…sie verbringt immerhin die Ferien im Engadin…

…genau, aber sie kann sich für unser Land und die Prinzipien nicht wirklich erwärmen, für die wir stehen. Die Schweiz ist nicht mehr der privilegierte Nachbar von einst. Deutschland orientiert sich vermehrt nach Osten. Die meisten deutschen Politiker begegnen der Schweiz mit einer Haltung der wohlwollenden Nichtbeachtung: die Eidgenossen sind nett und sympathisch, haben schöne Berge und gute Schokolade, aber sie sind eben nicht wichtig. Als Nicht-EU-Mitglied leben wir in den Augen aller deutschen Politiker von links bis rechts in einer Art «splendid isolation», was sie nicht verstehen können – und oft mit Rosinenpickerei assoziieren.

Fakt ist, dass die Schweiz der sechstwichtigste Handelspartner Deutschlands ist, noch vor China.

Die wenigsten wissen das oder scheinen sich dafür zu interessieren – und genau hier liegt ja das Problem! In meiner Zeit als Botschafter in Berlin war ich anfangs erstaunt, wie wenig die Deutschen über unser politisches System, über unsere föderalen Strukturen und unsere Wirtschaftsordnung wissen. Je weiter man sich in den Norden und Osten begibt, desto mehr gilt: die Schweiz ist ein unbekanntes Land. Ich habe damals versucht, durch mediale Auftritte und Workshops dieses Bild zu korrigieren. Mir ging es darum aufzuzeigen, wie stark die beiden Volkswirtschaften miteinander verflochten sind – und wie sehr die beiden Länder politisch und wirtschaftlich voneinander lernen könnten. Das ist eine Sisyphusarbeit, die wir nicht genügend ernst nehmen. Wir markieren viel Präsenz in China und Indien, und das ist gut. Aber dasselbe sollten wir auch in Deutschland und anderen Ländern Europas tun. Davon hängt mittelfristig unsere politische und wirtschaftliche Existenz ab.

Die wenigsten Deutschen wissen, wie unsere direkte Demokratie und unser Konkurrenz-Föderalismus funktioniert. Unser über Jahrhunderte gewachsenes System wird von den meisten als Ausdruck des reinen Opportunismus wahrgenommen.

Wir werden nicht verstanden. Statt eine Igelhaltung einzunehmen, müssen wir deshalb Aufklärungsarbeit leisten. Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung! Nehmen wir als Beispiel den schon angesprochenen Flugstreit. Mit Ausnahme einiger Abgeordneter aus dem süddeutschen Raum sind die deutschen Politiker mit…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»