(1) Globaler Kapitalismus – lokales Selbstverständnis

Zu selten gelingt es Akteuren in Politik und Wirtschaft, Grundsatzdebatten mit einem Blick auf globale Entwicklungen zu führen. In einer offenen und dyna-mischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung müsste
aber gerade dies selbstverständlich sein.

Deutschland und die Vereinigten Staaten scheinen mit der Kritik am Kapitalismus wieder eine gemeinsame, wenngleich höchst irritierende Sprache gefunden zu haben. Der Vorwahlkampf zwingt zu patriotischen Bekenntnissen und Beschwörungen wirtschaftlicher Eigenständigkeit zu einem Zeitpunkt, da der amerikanischen Wirtschaft der Boden unter den Füssen wegzubrechen droht. Deutschland wiederum scheint den Reformmut der Ära Schröder nie richtig verdaut zu haben und schlingert konzeptlos zurück in ein paternalistisches Staatsverständnis, demzufolge die Bürger gegen alles vermeintliche Ungemach dieser Welt in Schutz zu nehmen seien. Die Vereinigten Staaten tun sich schwer mit den Begleiterscheinungen des globalen Kapitalismus, in Deutschland frischt der Wind gegen den Kapitalismus als solchen auf.

Seit dem 19. Jahrhundert stets Nutzniesser der globalen Expansion des Personen-, Kapital- und Warenverkehrs, sehen sich Europa und Nordamerika heute an einem Wendepunkt. Als wichtigste Volkswirtschaften der Welt vermögen sie zwar noch immer, die Weltwirtschaft insgesamt zu beeinflussen. Doch hinter der zelebrierten Stärke verbirgt sich grundlegende Verunsicherung über die sich abzeichnende Schwerpunktverlagerung in der Weltwirtschaft. Die Fähigkeit und der politische Wille jedenfalls, das eigene Land in der globalen Wirtschaft optimal zu positionieren, sind kaum entwickelt. Die deutschen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen werden schrittweise rückgängig gemacht, da sie liebgewordene Vorstellungen vom Wert der Arbeit, von Leistungsbereitschaft und von Rechten der Erwerbstätigen in Frage stellen. Dieser Reflex, die Dynamik des Kapitalismus einzig als Bedrohung der vertrauten Lebenswelt wahrzunehmen, zeigt, wie schlecht Politik und Gesellschaft auf die Beschleunigung der Lebensverhältnisse eingestellt sind. Für viele Menschen scheint ein Mass an Unsicherheit erreicht, das an das Grundvertrauen rührt, dass eine dynamische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Nutzen aller sein kann.

Mit dem pauschalen Argument, sich den Zwängen der globalen Märkte beugen zu müssen, hat die Wirtschaft und teilweise auch die Politik fahrlässig zu diesem Vertrauensschwund gegenüber dem kapitalistischen Modell beigetragen. Denn damit wurde die entscheidende Debatte geradewegs umgangen: Globalisierung in all ihren Dimensionen ist von grundlegend politischem und historischen Gehalt. Die Unterlassung, Lebensverhältnisse grundsätzlich als formbar zu begreifen, wirkt sich zunehmend fatal aus. Eine solchermassen ahistorische und apolitische Globalisierungsdiskussion löst Werte und Strukturen aus dem spezifischen Zusammenhang ihrer Entstehung und Veränderung und stellt sie als unverrückbare Rückfallpositionen dar. Eine Standortbestimmung im globalen Kapitalismus kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn lokale Wertvorstellungen auch als gestaltbar und entwicklungsfähig begriffen werden.

Gleiches gilt auch für die Positionierung von Europa und Nordamerika – und in gewissem Sinne auch von Japan – in der Welt. Der verbreitete Eindruck im Westen, der globale Kapitalismus weise Volkswirtschaften, Regionen und Branchen bestimmte Rollen zu und dränge die Politik in einen einzig auf Reaktion eingestellten Modus, zeigt, in welchen Anfängen die Auseinandersetzung mit der eigenen Position im Rahmen der Globalisierung noch immer steckt. Besonders entlarvend, da besonders selbstgerecht, ist die Diskussion über Volkswirtschaften, denen es gelungen ist, von der Dynamisierung der vergangenen Jahre zu profitieren. Anstatt sich vom Selbstbewusstsein inspirieren zu lassen, mit dem diese Länder der weltwirtschaftlichen Entwicklung ihr Gepräge aufdrücken, werden diese als Bedrohung wahrgenommen. Nichts wäre jedoch unangemessener, als mit Protektionismus zu reagieren. Europa und Nordamerika würden Gefahr laufen, ihren Einfluss vorab darauf zu verwenden, sich selbst von den Zentren zukünftiger Dynamik auszuschliessen – Zentren, die ironischerweise aus einer von Europa und Nordamerika geschaffenen globalen Wirtschaft entstanden sind.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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