(1) Die Schweiz ist eine Stadt

Die Schweiz eine Stadt? Die Frage ist inzwischen durch die Entwicklung beantwortet worden. Für die Politik geht es nun darum, die Realität zu sehen, sie zu akzeptieren, mit ihr umzugehen und sie mitzugestalten, statt sich verbissen gegen sie zu stemmen.

«Bergland» und «Tiefland». Der Stadt-Land-Gegensatz war zwar produktiv für Geschichtsschreibung, Literatur und helvetisches Selbstverständnis – dies aber durchwegs zuungunsten der Stadt. So lautete eine der politischen Grundregeln bis vor kurzem, wenn nicht sogar bis heute: Sorge um und für die Berggebiete, die ländlichen Räume sowie die peripheren Lagen. Anders formuliert: schweizerische Raumpolitik war keine Stadt- und Agglomerationspolitik. Die Landwirtschafts-, die Raumordnungspolitik, die Berggebietsförderung oder die Verkehrspolitik zeugen davon.

Die sozio-geographische Wirklichkeit der Schweiz entspricht nicht der Fiktion einer Hirten- und Bauernkultur. Die Schweiz ist eine Stadt. Man mag von Metropolitanräumen sprechen, Agglomerationsgebiete aufzählen, Städtenetze anvisieren, zentrale Orte aufführen, das Nicht-Siedlungsgebiet als Landwirtschaftszone bestimmen; man kann eine Regionalpolitik der endogenen Stärkung der Abwanderungsgebiete oder gar der Symbiose Städte/ländliche Gebiete formulieren – die Schweiz bleibt eine Stadt. Nicht nach rechtsgeschichtlichen Marktrechten, nicht nach gesetzlichen Definitionen, nicht nach statistischen Jahrbüchern. Urbane Lebensweisen dominieren, bis weit hinein in die jüngere Generation, im Schächental, am Klausenpass. Städte wurden sogar zu Zentren des Berggebietes: Davos, St. Moritz, Verbier, Crans-Montana, auch Locarno, selbst Thun ist mehr als ein Militärplatz an der Pforte zur Bergwelt des Berner Oberlandes. Mit Zahlen liesse sich viel belegen, doch ist nicht die Bevölkerungsmenge pro Quadratkilometer (ausserhalb unproduktiver Flächen) entscheidend; auch nicht auf die immense Bausubstanz inner- und ausserhalb der Bauzonen kommt es an; selbst der Verlust an Kulturland pro Sekunde und das Ba

uernhofsterben sind nicht klärend. Massgebend ist vielmehr die urbane Lebensweise.

Kaum zu glauben, die schweizerischen Bundesbahnen verkehren bereits wie eine schweizweite S-Bahn, streckenweise sogar wie ein Tram, nach abgestimmtem Fahrplan und Zugskomposition, Doppelstöcker sogar auf «Überland»-Strecken. Lediglich die Nord-Süd-Verbindungen durch die Alpen bräuchten noch einen Speisewagen, alles andere ist in hohem Masse Berufs- und Pendler-, allenfalls Freizeitverkehr, in der Regel mobilitätsbewusst. Die Autobahnen haben einiges vorweggenommen, die Siedlungsentwicklung verändert, Aus- und Einfahrten folgen einander rascher als anderswo. Heute sind sie mit Engpässen und Staulagen belastet, wie sie aus dem innerstädtischen Verkehr bekannt sind. Genf–Lausanne diene als Beispiel. Was anderes erlebt der Autofahrer im Raum Luzern? Gewiss, da und dort geht es durch die offene Landschaft. Die nächste Überbauung kommt aber bestimmt, noch vor der nächsten Geländekammer. Bis auf die Ausnahme der Alpentransversalen ist der schweizerische Verkehr, der schienengebundene und der strassenseitige, als vorweggenommener Stadtverkehr organisiert.

Die Politik beginnt, angesichts der faktischen Stadt Schweiz sich die Augen zu reiben. Genf ist nicht St.Gallen, Winterthur nicht Luzern, Basel weder Bern noch Zürich, geschweige denn Lausanne. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, jeder Kanton seine Geschichte. Doch es sind alles Städte, und die Schweizer leben grösstenteils in Städten, in Agglomerationen, in Vorstädten, selbst in Dörfern häufig mit städtischem Lebensstil, jedenfalls mit städtisch geprägtem Konsumverhalten – sie sind mehrheitlich Städter, auch dort, wo sie am Wochenende den Garten bestellen oder auf dem Balkon Geranien pflegen. Die Schätzungen mögen variieren. Der prozentuale Anteil der auf absehbare Zeit echt ländlichen Bevölkerung kann höher oder tiefer angesetzt werden – mehr als 20 Prozent wären aktuell bei einem bäuerlichen Anteil von unter 5 Prozent wohl zu hoch gegriffen.

Der Wandel zur Stadt Schweiz macht verlegen. Insbesondere die Politik. Auch den Einzelnen. Der Schritt zum «Eingeständnis Stadt Schweiz» ist ein Wagnis. Er rührt an das überkommene Selbstverständnis. Und doch muss er getan werden. In einzelnen Bereichen schimmern Ansätze durch. Immerhin spricht die Bundesverfassung neu von den Agglomerationen, wenn auch selbstverständlich im selben Atemzug wie von den Berggebieten. Die Bildungs- und Ausbildungspolitik verrät Koordination. Die Universität Schweiz ist angedacht. Wer in Zürich lebt, kann auch in Luzern studieren, der Lausanner in Genf oder Freiburg oder Neuenburg, aber auch in Bern. Vernünftige Raumordnungs- und Regionalpolitik zieht schon morgen Interaktionsräume um Städte und Agglomerationen. Warum nicht das Glarnerland mit…

(1) Die Schweiz ist eine Stadt

Die Schweiz eine Stadt? Die Frage ist inzwischen durch die Entwicklung beantwortet worden. Für die Politik geht es nun darum, die Realität zu sehen, sie zu akzeptieren, mit ihr umzugehen und sie mitzugestalten, statt sich verbissen gegen sie zu stemmen.

(2) Die Schweiz als «City-State»

Die Vision einer global orientierten, urban organisierten und liberal ausgerichteten Schweiz als «City-State» ausserhalb der EU ist in den Medien zum Teil scharf kritisiert, aber auch gehörig missverstanden worden. Präzisierungen und Klärungen von Konrad Hummler; die Fragen stellte Robert Nef.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»