(1/2) Die neue Parallelgesellschaft

Wie hat sich die Finanz- von der Realwelt und ihren Regeln entfremdet? Ein Erklärungsversuch. Unanständig. Rücksichtslos. Zynisch. Die Kritik hoher Abfindungen und Entlöhnungen geht einher mit Appellen an die Moral. Erleben wir einen Wertewandel? Eine Wertekrise? Oder ist alles ganz anders? Wir bringen zwei kontroverse Beiträge.

Ein funktionierendes Gemeinwesen lässt sich daran erkennen, dass keine Gruppe sich zu weit von jenen entfernt, die für das Funktionieren unseres Alltags sorgen – von den Krankenschwestern, Ärzten, Lehrern, Facharbeitern, Handwerkern, Gewerbetreibenden oder Taxifahrern. Es ist diese vielbeschworene Mitte der Gesellschaft, die deren wirtschaftliches und moralisches Rückgrat bildet. Wer sich anmasst, schlauer als alle anderen zu sein, und die Regeln des Anstands ignoriert, stellt zugleich den Grundkonsens an gemeinsamen Werten in Frage, auf die eine Gesellschaft für ihr Überleben unbedingt angewiesen ist.

Dabei geht es nicht um das Festhalten an alten Gewohnheiten. Denn oft sind es gerade Randgruppen mit eigenen Werten, die die Gesellschaft insgesamt voranbringen. Andere Sitten und Bräuche, andere religiöse Haltungen und Überzeugungen können im täglichen Miteinander das Zusammenleben vor eine Zerreissprobe stellen, aber eben auch zu sozialem Fortschritt führen. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Integration von Ausländern abspielt. Eine fundamentale Integrationsproblematik erleben wir zur Zeit aber auch in der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft. Dort hat sich die Finanzwelt von einer kleinen Gemeinschaft zu einer eigenständigen Parallelgesellschaft entwickelt, die sich zugleich als neue globale Klasse etabliert hat.

Vor dem gewaltigen Globalisierungsschub der Finanzsysteme waren die Bankdirektoren, Prokuristen, Bankangestellten, die heute alle «Banker» heissen, mitsamt ihrem Geschäft in einen lokalen gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Ihre Arbeit und ihr Status wurden primär lokal in der Gemeinschaft diskutiert und bewertet. Rücksichtnahme auf die kulturellen Eigenheiten, aber auch die individuelle Ethik galten als normale Verhaltensweisen. Zwar waren schon damals die Löhne überdurchschnittlich gut, aber Vertreter der Finanzwelt und der Realwirtschaft trafen sich auf Augenhöhe. «Seilschaften» in den Finanzbetrieben existierten zweifellos, wie in anderen Berufsfeldern auch. Doch blieben sie weitgehend intern und erreichten im gesamten System kaum eine kritische Masse.

Mit dem Aufstieg institutioneller Investoren, der Öffnung der Märkte, dem Ende von Bretton-Woods und der Entwicklung vielfältigster Finanzderivate – kurz, seit der Globalisierung des Finanzsystems in den 1970er Jahren – begann auch die Entfremdung der Finanzgesellschaft von der Realgesellschaft. Der Handel an den Börsen wurde seit Ende der 1980er Jahre von elektronischen Systemen abgelöst, physische Gegebenheiten spielten eine immer geringere Rolle. Die Banken bauten ihren Personalbestand exponentiell aus, weil nur so die immer komplexeren Systeme und Produkte betreut werden konnten. Damit entfernten sich nicht mehr nur Individuen oder kleine Gruppen von der Realgesellschaft. Es wuchs vielmehr eine kritische Masse von Individuen heran, die eine Eigendynamik entfaltete. Es bildete sich eine Gemeinschaft, die zunehmend Einfluss auf gesellschaftliche und institutionelle Regeln nahm.

Im Laufe dieser rasanten Entwicklung bildete das Bankensystem eigene Funktionsmechanismen und Wertesysteme aus, die nicht mehr von der lokalen Gemeinschaft in Frage gestellt und kontrolliert wurden. Die unternehmerische Führung, die sich am langfristigen Interesse der Firma, der Aktionäre und der Kunden orientiert, ging immer mehr in eine Managementführung über. Manager sind keine Unternehmer, sondern Angestellte. Unternehmer haften.

Managementführungen sind oft durch Kurzfristigkeit, überhöhte Risikofreudigkeit, Gewinnmaximierung als Selbstzweck und, über entsprechende Anreizsysteme, durch übersteigerte pekuniäre Eigennutzmaximierung geprägt. Die Interessen von Aktionären und Kunden spielen dabei eine sekundäre Rolle.

Diese Unterscheidung zwischen unternehmer- und angestelltengeführten Finanzinstituten ist zentral und wird zu wenig beachtet. Denn die geschilderte Abkoppelung fand bei den lokal verankerten und agierenden Finanzinstituten nicht statt, die weiterhin unternehmerisch geführt wurden. Sie sind nicht Teil der Parallelgesellschaft geworden und haben sich, wie die Erfahrung in der Finanzkrise zeigt, nicht von der Gesellschaft und ihren Bezugssystemen entfernt.

Die finanzielle Vergütung vieler Manager hingegen koppelte sich vom allgemein üblichen Rahmen der Realwirtschaft ab. Die Klasse dieser Angestellten entwickelte sich zu einem eigenen Minikosmos, der im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit oft absurde Entlöhnungen und Entschädigungen guthiess.

Der Rest der Gesellschaft – vom Kleinstanleger bis zum Spitzenpolitiker – hatte freilich wenig Grund, die Bankengemeinschaft…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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