(0) Auftakt

Man stelle sich vor, die deutsche Elf hätte die Fussball-EM in der Schweiz gewonnen! Die Zeitungen nördlich und südlich des Rheins wären voll gewesen von bösen Anekdoten über Mentalitätsunterschiede, die sich die 200’000 in der Schweiz lebenden Deutschen über die Schweizer und die 70’000 in Deutschland lebenden Schweizer über die Deutschen erzählt hätten. Solche Geschichten sind zwar reizvoll, aber genau deswegen auch gefährlich. Denn sie verbannen die politischen Dissonanzen, die zwischen den beiden Nachbarn real bestehen, in den Hintergrund – mit existentiell bedrohlichen Folgen für die Schweiz.

Zuerst die Tatsachen, dann die Moral. Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen könnten enger kaum sein. Deutschland ist für die Schweiz der wichtigste Handelspartner. 2007 kamen 33 Prozent aller Importe (39 Milliarden Euro) aus Deutschland, während 20 Prozente aller helvetischen Exporte (22 Milliarden Euro) dorthin gingen. In den Investitionen liegen wir gar vorn: Schweizer Unternehmen haben 42,7 Milliarden Franken in Deutschland investiert, während es umgekehrt 22,8 Milliarden Franken waren. Die Schweiz ist mit 1200 Unternehmen und 250’000 Beschäftigten sechstgrösster Auslandinvestor in Deutschland.

Und die Moral? Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, der gerne in Berlin lebt, wie er betont, hat sie in einer E-Mail so formuliert: «Die deutschen Politiker haben von der Schweiz nicht den Hauch einer Ahnung.» Das Problem liegt darin, dass die Schweizer nicht wissen, was die Deutschen über die Schweiz nicht wissen. Die meisten deutschen Politiker und Intellektuellen halten uns für ein Volk von Schlaumeiern (Bankgeheimnis), Opportunisten (kantonale Unternehmensbesteuerung, Flughafen Zürich) und Rosinenpickern (bilaterale Verträge mit der EU). Vom historisch gewachsenen System aus direkter Demokratie, Konkurrenzföderalismus und liberalem Arbeitsmarkt haben sie oft – entweder positiv oder negativ – verzerrte Vorstellungen. Die Schweizer Politiker ihrerseits ignorieren diese Ausgangslage, unterstellen dem nördlichen Nachbarn Machtpolitik und setzen auf Einigelung. Die Folge: Vorurteile werden bestätigt, und der unbekannte Nachbar erhöht den politischen Druck. Aufklärung tut dringend not! Wir bieten sie auf den folgenden Seiten.

René Scheu

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»