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Unter welchen Umständen könnte es uns allen besser gehen, durch welche politischen und wirtschaftlichen Systeme könnte Wohlergehen und Wohlstand aller gehoben werden? Das ist der Kern, um den sich die meisten politischen Diskussionen drehen. Die Frage ist knapp formuliert, doch das heisst nicht, dass die Antwort ebenfalls knapp sein könnte. Es genügt nicht, die schon so oft wiederholten Mythen und Schlagworte aufzubieten. Häufig ist freilich gerade dies der Fall, in den Medien wie auf der Theaterbühne, am Stammtisch wie beim Fernsehtalk: die «Gier nach Profit», der «Blick auf den Aktienindex», die «Arroganz der da oben» bestimme die Welt, so ist allerorts zu hören. Weiterführende Diskussionen werden oft schon in dem Moment im Kern erstickt, in dem Begriffe wie «Kapitalismus» oder «Globalisierung» in den Mund genommen werden, und das heisst: sehr früh.

Dass der Kapitalismus vielen als ein Sammelbegriff für alles Schlechte dient, hat Wurzeln bis weit zurück in die Geschichte. Augustinus verurteilte in der Spätantike die Begierde nach Geld und Besitz als eine der drei Hauptsünden des Menschen. Noch im Mittelalter war die Rolle der Kaufleute zwiespältig: sie wurden einerseits bewundert, weil sie die Schranken der feudalen Standesgesellschaft durchbrachen und individuelle Freiheit lebten, anderseits wurden sie als Wucherer verachtet, weil sie oft auch mit Kapital handelten und im Zinsgeschäft tätig waren. Die negativen geschichtlichen Konnotationen von «Sünde» und «Wucher» überwiegen leider bis heute, wenn der Begriff des «Kapitalismus» ins Spiel kommt.

«Kapitalismus» im Titel trägt auch das Thema des diesjährigen 38. St. Gallen-Symposiums: «Global Capitalism – Local Values», das sich mit den engen und hochkomplexen Beziehungen zwischen lokalen Strukturen und der globalen kapitalistischen Ordnung beschäftigt. Wir haben dies zum Anlass genommen, in Zusammenarbeit mit der St. Galler Stiftung für Internationale Studien eine Reihe von Autoren dazu einzuladen, jenseits von Mythen und Schlagworten zu erläutern, auf welche Weise Kapitalismus, Wohlergehen und Wohlstand voneinander abhängig sind und eine Einheit bilden.

Suzann-Viola Renninger

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