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Das Land, in dessen Flüssen Milch, Wein und Honig fliessen – so wird das Schlaraffenland beschrieben. Wer immer dort gewesen sein mag, er scheint nicht zu uns zurückgekehrt zu sein, sonst wäre von dort wohl überliefert: Milch,Wein und Honig machen zwar satt und vergnügt, doch der Mensch bleibt auf Dauer durstig und verschmutzt. Mindestens anderthalb Liter sauberes Trinkwasser braucht ein Mensch pro Tag, wenn er nicht verdursten und gesund bleiben will. Wollen wir zudem Körper und Kleidung sauber halten, Mahlzeiten zubereiten, Tiere tränken, Äcker bewässern und Energie herstellen, dann vervielfacht sich die Zahl. Mehr als 150 Liter pro Tag benötigt durchschnittlich jede Person in der Schweiz für den privaten Konsum, das Volumen steigt auf 400 Liter, wenn der Bedarf von Industrie und Öffentlichkeit mit einbezogen wird. Diese Zahlen potenzieren sich weiter, wird der sogenannten «Wasser-Fussabdruck» kalkuliert, der das «virtuelle» Wasser berücksichtigt, das für die Güterproduktion im weiteren Sinne verbraucht wird: 140 Liter virtuelles Wasser verbergen sich in einer Tasse frisch zubereiteten Kaffees, 3’000 in einem Steak, bis zu 10 in einem Blatt Papier, 32 in einem Computerchip, so die auf Berechnungen des UNESCO-IHE-Institute for Water Education in Delft zurückgehenden Zahlen.

In den westlichen Ländern genügt ein Griff zum Hahn, und wir haben soviel Wasser, wie uns beliebt. Wassermangel kennen wir für gewöhnlich nicht. Doch das ist die Ausnahme. Weltweit gibt es zwar genügend Wasser, doch vor allem trinkbares Süsswasser ist ungleich verteilt. Die Zahl der Wasserflüchtlinge ist höher als die der Kriegsflüchtlinge; jährlich verlieren zehnmal mehr Menschen ihr Leben durch verschmutztes Wasser als durch Kriege. Allein 1,5 Millionen Kinder sterben in den Entwicklungsländern jedes Jahr, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben. Und der Wasserverbrauch wächst von Jahr zu Jahr, zusammen mit der weiter zunehmenden Weltbevölkerung, dem steigenden Wirtschaftswachstum, den erhöhten Ansprüchen an den Lebensstandard.

Die globale wirtschaftliche Verflechtung hat, wie auch die Perspektive des virtuellen Wassers zeigt, längst zu einer internationalen Ressourcenverflechtung geführt, bei der sich wasserreiche und wasserarme Länder gegenüberstehen. Der Kampf um knappes Wasser bildet einen der wichtigsten Schauplätze, auf denen alle Länder miteinander kooperative Lösungen suchen müssen, sollen die weltweit so unterschiedlichen Vorkommen effizienter und für alle lebensverträglicher bewirtschaftet werden.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»